AOK schlägt Alarm: Kostenexplosion durch Blankoverordnungen in der Therapie
Die Einführung der sogenannten Blankoverordnung im Jahr 2024 sollte eigentlich ein Meilenstein für die Ergo- und Physiotherapie werden. Das Ziel: Weniger Bürokratie für Ärzte und mehr therapeutische Freiheit für die Behandelnden. Doch knapp zwei Jahre nach der Einführung zieht der AOK-Bundesverband eine drastische und überaus kritische Bilanz. Die neuen Freiheiten führen laut der Krankenkasse zu einer massiven Kostenexplosion, ohne dass die Patienten nachweislich davon profitieren.
Kosten verdoppelt, Behandlungen drastisch gestiegen
Bei einer Blankoverordnung stellt der Arzt lediglich die Diagnose aus. Der Therapeut entscheidet anschließend eigenverantwortlich über das genaue Heilmittel, die Häufigkeit und die Dauer der Behandlung. Was in der Theorie nach einer patientennahen und effizienten Lösung klingt, sorgt in der Praxis laut aktuellen Abrechnungsdaten für nie dagewesene Ausgaben.
Laut dem AOK-Bundesverband zeigen die Zahlen ein alarmierendes Bild:
- Ergotherapie: Seit der Zulassung im April 2024 für bestimmte Diagnosebereiche sind die Ausgaben um 62 Prozent in die Höhe geschnellt. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Behandlungen um 34 Prozent.
- Physiotherapie: Hier ist das Instrument seit November 2024 für Schulterdiagnosen im Einsatz. Die Kosten haben sich seitdem mit einem Anstieg von fast 100 Prozent geradezu verdoppelt. Die Zahl der abgerechneten Behandlungen wuchs um 73 Prozent.
"Blankoscheck für Einnahmeoptimierung"
Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, findet für diese Entwicklung deutliche Worte. Sie kritisiert, dass das neue Verordnungsmodell in Teilen missbräuchlich als Blankoscheck zur Einnahmeoptimierung verstanden werde. Wenn Leistungserbringer die volle Versorgungsverantwortung übernehmen und gleichzeitig jegliche Instrumente der Kostenkontrolle wegfallen, führe dies unweigerlich zu einer finanziellen Schieflage.
Besonders auffällig ist laut der AOK eine deutliche Strukturverschiebung hin zu teureren Behandlungen. So habe sich beispielsweise der Anteil der kostenintensiven Manuellen Therapie im Vergleich zur klassischen Krankengymnastik verdreifacht. Medizinisch sei dieser rasante Anstieg nicht nachvollziehbar. Zudem treiben zusätzliche Pauschalen, die Therapeuten für die Planung und Steuerung der Behandlung erhalten, die Ausgaben weiter in die Höhe – sie machen allein bis zu 15 Prozent der Kostensteigerung aus.
Milliardenbelastung für die Beitragszahler
Die finanziellen Auswirkungen auf das Gesundheitssystem sind enorm. Im vergangenen Jahr musste die gesetzliche Krankenversicherung allein 557 Millionen Euro für Blankoverordnungen in der Physiotherapie und 439 Millionen Euro in der Ergotherapie aufwenden. Insgesamt stiegen die Kassenausgaben für Heilmittel das dritte Jahr in Folge um mehr als zehn Prozent an und verzeichneten ein drastisches Plus von 1,4 Milliarden Euro.
Besonders brisant: Trotz der rasant steigenden Kosten und der Ausweitung der Therapiemengen gibt es laut dem Kassenverband keinerlei Belege für einen Qualitätsgewinn in der Patientenversorgung. Hinweise auf eine stärker patientenorientierte Behandlung fehlen demnach völlig.
Forderung nach strengeren Grenzen
Angesichts dieser besorgniserregenden Entwicklung fordert die AOK nun ein schnelles Umdenken in der Gesundheitspolitik. Das Instrument der Blankoverordnung müsse dringend wieder begrenzt werden, um die wirtschaftliche Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung nicht weiter zu gefährden. Es dürfe nicht sein, dass das System primär dazu genutzt werde, hochpreisige Leistungen abzurechnen, ohne dass der medizinische Nutzen für die Versicherten eindeutig belegt sei.
Für die Beitragszahler könnten die ausufernden Kosten am Ende spürbare Folgen haben. Wenn die Ausgaben der Krankenkassen weiterhin derart dynamisch wachsen, drohen mittelfristig weitere Erhöhungen der Zusatzbeiträge – eine finanzielle Belastung, die letztlich alle gesetzlich Versicherten tragen müssten.
Brauchen Sie Unterstützung bei der Pflege?
PflegeHelfer24 ist Ihr verlässlicher Partner. Entdecken Sie unsere Ratgeber oder lassen Sie sich kostenlos zu Pflegehilfsmitteln, Treppenliften und Zuschüssen beraten.

