Umfrage zeigt: Wohnort kann über Pflegeleistungen entscheiden

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2025, 13:17
Full width image

Von 5% bis 20%: Wo Sie leben, bestimmt Ihre Ablehnungsquote

Im deutschen Sozialstaat sollte es keine Rolle spielen, ob Sie in München oder Magdeburg wohnen – der Anspruch auf Pflegeleistungen ist bundesweit gleich geregelt. Doch unsere Analyse von über 1.200 Anträgen zeigt: Die Postleitzahl kann über Bewilligung oder Ablehnung entscheiden.

Die Ablehnungsraten schwanken zwischen 5,0% in Thüringen und 20,0% im Saarland. Eine Vierfach-Differenz. Wer in Thüringen einen Antrag stellt, hat viermal bessere Chancen als im Saarland. Das wirft eine fundamentale Frage auf: Sind die rechtlichen Rahmenbedingungen bundesweit gleich – oder nur auf dem Papier?

Die einfache Erklärung wäre: In manchen Bundesländern sind einfach andere Krankenkassen dominant, und wir wissen bereits aus unserer ersten Analyse, dass die Kassen sehr unterschiedlich ablehnen. Doch die Wahrheit ist komplizierter.


Unterschiede innerhalb Deutschlands

Die Spannweite von 15 Prozentpunkten ist beachtlich. Aber: Ist das wirklich ein Ost-West- oder Nord-Süd-Gefälle? Oder liegt es nur an der unterschiedlichen Verteilung der Krankenkassen?

Ablehnungsraten nach Bundesland (in %)

nur Bundesländer mit n≥10

Saarland führt mit 20,0% Ablehnungsrate, gefolgt von Sachsen (19,2%) und Rheinland-Pfalz (16,4%). Am anderen Ende: Thüringen mit nur 5,0%, Sachsen-Anhalt (8,1%) und Hessen (9,2%).


Die entscheidende Frage: Kasse oder Wohnort?

Die unterschiedlichen Ablehnungsraten könnten eine einfache Erklärung haben: In manchen Bundesländern sind einfach die "strengen" Krankenkassen stärker vertreten. Wir wissen bereits, dass die Knappschaft 25,7% ablehnt, private Kassen nur 9,1%. Wenn in Sachsen zufällig mehr Knappschaft-Versicherte leben als in Thüringen, wäre die höhere Ablehnungsrate in Sachsen keine Überraschung.

Um das zu überprüfen, haben wir eine Kontrollrechnung durchgeführt:

Die Methode: Für jedes Bundesland haben wir berechnet, welche Ablehnungsrate zu erwarten wäre – wenn nur die Kassenverteilung eine Rolle spielen würde. Wir schauen uns an: Welche Kassen sind in diesem Bundesland wie stark vertreten? Wie hoch ist deren durchschnittliche Ablehnungsrate? Daraus errechnen wir eine "erwartete" Ablehnungsrate.

Beispiel Sachsen: In Sachsen sind die IKK (19% Ablehnung bundesweit) und andere Kassen mit mittleren bis hohen Ablehnungsraten stark vertreten. Basierend auf dieser Kassenverteilung würden wir 14,0% Ablehnungen erwarten. Tatsächlich sind es aber 19,2%.

Die Differenz von 5,2 Prozentpunkten ist der "Standorteffekt" – also der Teil der Ablehnungsrate, der nicht durch die Kassenverteilung erklärbar ist, sondern durch den Wohnort selbst.


Das Ergebnis überrascht: Der Standorteffekt

Vergleich der tatsächlichen Ablehnungsrate mit der erwarteten Rate basierend auf der Kassenverteilung im jeweiligen Bundesland.

Tatsächliche vs. erwartete Ablehnungsrate

Basierend auf Kassenverteilung

Der rote Balken zeigt die tatsächliche Ablehnungsrate, der graue die erwartete Rate basierend auf der Kassenverteilung. Liegt rot über grau, ist das Bundesland "härter" als erwartet. Liegt rot unter grau, ist es "kulanter".


Extreme Kombinationen: Wenn Kasse und Wohnort zusammenkommen

Besonders interessant wird es, wenn man Bundesland und Krankenkasse kombiniert betrachtet. Bei manchen Kombinationen sind die Ablehnungsraten besonders hoch

Die härtesten Kombinationen

nur Kombinationen mit n≥5

Ein Antragsteller in Sachsen mit IKK-Versicherung hat eine 60%ige Chance auf Ablehnung.

Am anderen Ende des Spektrums: Manche Kombinationen haben eine Ablehnungsrate von 0% – darunter Niedersachsen + Barmer (12 Anträge), Brandenburg + Barmer (15 Anträge), Hessen + Privat (9 Anträge), Sachsen-Anhalt + AOK (10 Anträge) und Thüringen + AOK.

Von 60% zu 0% – allein durch die Kombination aus Wohnort und Krankenkasse. Das ist keine Lotterie mehr, das ist ein Systemfehler.


Warum der Wohnort eine Rolle spielt: Vier Hypothesen

Die Daten zeigen klar: Der Wohnort macht einen Unterschied. Aber warum? Mehrere Faktoren könnten zusammenwirken:


1. Unterschiedliche MDK-Praktiken nach Region

Der Medizinische Dienst (MD, ehemals MDK) ist zwar bundesweit organisiert, aber die regionalen Landesverbände haben durchaus Spielräume bei der Auslegung der Begutachtungsrichtlinien. Manche MDK-Landesverbände könnten strenger bewerten als andere.

In Bundesländern wie Sachsen, wo die Ablehnungsrate deutlich über dem Erwartungswert liegt, könnte der dortige MDK restriktiver begutachten. In Thüringen, wo die Rate deutlich darunter liegt, könnte das Gegenteil der Fall sein.

Das Problem: Die MDK-Praktiken sind nicht transparent. Es gibt keine öffentlich zugänglichen Vergleichsdaten zur Bewertungsstrenge der verschiedenen Landesverbände.


2. Verwaltungskultur und behördliche Praxis

Manche Bundesländer haben eine traditionell bürgerfreundlichere Verwaltungskultur als andere. Das betrifft nicht nur Krankenkassen, sondern auch Ämter, Sozialverwaltung und Beratungsstellen.

In Bundesländern mit gut ausgebautem Beratungsnetz und aktiven Sozialverbänden könnten Anträge besser vorbereitet sein – und damit erfolgreicher. In Bundesländern mit schwächerer Infrastruktur könnten mehr Anträge an formalen Mängeln scheitern.


3. Stadt-Land-Gefälle

Die Daten zeigen kein klares Ost-West-Muster. Aber: Berlin (15,0%), Hamburg (13,6%) und NRW (14,4%) – alles städtisch geprägte Regionen – haben höhere Ablehnungsraten als z.B. Brandenburg (9,5%) oder Thüringen (5,0%).

Eine mögliche Erklärung: In Städten gibt es mehr Konkurrenzdruck zwischen Leistungserbringern, mehr Einzelfälle mit komplexen Anträgen, mehr anonyme Massenbearbeitung. In ländlichen Regionen könnten persönlichere Beziehungen zwischen Antragstellern, Ärzten und Sachbearbeitern zu kulanteren Entscheidungen führen.

Das Gegenargument: Städte haben auch bessere Beratungsinfrastruktur. Das Muster ist nicht eindeutig.


4. Kassenwechselverhalten und Selbstselektion

Wenn in einem Bundesland eine bestimmte Krankenkasse besonders restriktiv ist, wechseln Versicherte vielleicht zu kulanteren Kassen. Das würde die Kassenverteilung beeinflussen – und damit indirekt die Ablehnungsraten.

Aber: Dieser Effekt sollte regional unterschiedliche Quoten eigentlich ausgleichen, nicht verstärken. Die beobachteten Standorteffekte sprechen eher dagegen.


Die Kasse bleibt der Hauptfaktor

Unsere erste Analyse zeigte: Die Wahl der Krankenkasse ist der wichtigste Einzelfaktor für Bewilligungschancen. Die Spannweite zwischen Knappschaft (25,7%) und Privatkassen (9,1%) betrug 16,6 Prozentpunkte.

Die regionale Analyse zeigt nun: Der Wohnort ist ein zusätzlicher, eigenständiger Faktor. Mit einem Standorteffekt von -7,2pp (Thüringen kulanter) bis +5,2pp (Sachsen härter) ist der regionale Effekt zwar kleiner als der Kasseneffekt, aber keinesfalls vernachlässigbar.

Die Kombination ist entscheidend: Wer mit der falschen Kasse im falschen Bundesland lebt, hat besonders schlechte Karten. Wer die richtige Kombination erwischt, hat exzellente Chancen.

Das Problem: Man kann die Krankenkasse wechseln. Den Wohnort zu wechseln, nur um bessere Pflegeleistungen zu bekommen, ist für die allermeisten Menschen unrealistisch.


Fazit: Die Postleitzahl ist keine Lotterie – sie ist ein Systemfehler

Die Zahlen sind eindeutig: Wo Sie wohnen, beeinflusst Ihre Chancen auf Pflegeleistungen – unabhängig von Ihrer Krankenkassenwahl. Sachsen lehnt 5 Prozentpunkte mehr ab, als die dortige Kassenverteilung erwarten lassen würde. Thüringen 7 Prozentpunkte weniger.

Das ist kein Zufall. Das ist ein systematisches Problem.

In einem bundesweit einheitlich geregelten Sozialsystem darf es keine Rolle spielen, ob Sie in Erfurt oder Chemnitz wohnen. Die MDK-Begutachtung sollte nach denselben Kriterien erfolgen, die Bewilligungspraxis sollte gleich sein, die Chancen sollten fair sein.

Stattdessen zeigen unsere Daten: Deutschland ist ein Flickenteppich. Nicht nur zwischen Krankenkassen, sondern auch zwischen Bundesländern. Manche Kombinationen – Sachsen + IKK, NRW + Knappschaft, Berlin + KKH – sind Ablehnungs-Hotspots mit 50-60% Ablehnungsraten. Andere – Brandenburg + Barmer, Hessen + Privat – haben 0%.

Das Problem liegt nicht bei den Antragstellern. Das Problem liegt im System. Und solange das nicht behoben wird, bleibt die Pflegeleistung, was sie nicht sein sollte: eine Postleitzahlen-Lotterie.

Infos zur Methodik

Sicherstellung der Datenintegrität und statistischen Signifikanz

1224
Stichprobengröße
November 2025
Umfragezeitraum
Online-Befragung
Methode

Für Rückfragen können Sie uns gerne eine E-Mail schreiben an info@pflege-helfer24.de

Diese Analyse basiert auf 1.224 Umfrageantworten von Personen, die in den letzten zwei Jahren Anträge auf Pflegeleistungen, Hilfsmittel oder Zuschüsse gestellt haben. Die Daten wurden zwischen November und Dezember 2025 erhoben. Die regionale Zuordnung erfolgte anhand der Postleitzahl der Befragten.