Doppelbelastung häusliche Pflege: Warum Angehörige im Beruf kapitulieren müssen

Benedikt Hübenthal
Pflege und Beruf: Studie zeigt hohe Belastung für Angehörige

Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege bringt Millionen Menschen in Deutschland an ihre Belastungsgrenze. Eine aktuelle Umfrage zeigt nun auf, wie massiv die Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit und die Gesundheit der Pflegenden tatsächlich sind.

Es ist ein stiller Kraftakt, der täglich in unzähligen Haushalten geleistet wird: Die Pflege von Familienmitgliedern. Doch dieser Einsatz hat seinen Preis. Wie aus dem neuesten WIdOmonitor des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervorgeht, zwingt die Übernahme von Pflegeverantwortung viele Menschen dazu, im Beruf deutlich kürzerzutreten. Für die repräsentative Forsa-Umfrage wurden rund 1.500 pflegende Angehörige zu ihrer aktuellen Lebenssituation befragt.

Die Pflegefalle: Wenn der Job zur Nebensache wird

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut der Erhebung sind 59 Prozent der pflegenden Angehörigen erwerbstätig. Davon arbeitet jedoch nur knapp ein Drittel (31,3 Prozent) in Vollzeit, während 27,7 Prozent einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen. Besonders alarmierend ist, dass fast die Hälfte (45,2 Prozent) der Teilzeitkräfte angibt, ihre Arbeitszeit gezielt wegen der Pflegeverpflichtungen reduziert zu haben.

Dieser erzwungene Rückzug aus dem Berufsleben birgt langfristige finanzielle Risiken. Experten warnen davor, dass reduzierte Arbeitszeiten nicht nur das aktuelle Haushaltseinkommen schmälern, sondern auch die Rentenansprüche drastisch senken. Für viele, insbesondere Frauen, die nach wie vor den Großteil der häuslichen Pflege übernehmen, öffnet dies der Altersarmut Tür und Tor.

Alarmierende Erschöpfung bei den Betroffenen

Neben den beruflichen Einbußen ist die körperliche und psychische Belastung enorm. Knapp die Hälfte der befragten Voll- und Teilzeitkräfte (46,9 Prozent) fühlt sich in ihrem Alltag hoch belastet. Die ständige Zerreißprobe zwischen den Anforderungen des Arbeitgebers und den Bedürfnissen der pflegebedürftigen Angehörigen führt oft zu chronischer Erschöpfung. Bei den Nicht-Erwerbstätigen ist die Belastung zwar etwas geringer, liegt aber immer noch bei besorgniserregenden 38,3 Prozent.

Entlastungsangebote werden kaum genutzt

Obwohl der Gesetzgeber verschiedene Möglichkeiten zur Unterstützung geschaffen hat, verpuffen diese in der Praxis oft. Die Umfrage verdeutlicht, dass Entlastungsangebote wie die Tagespflege oder ambulante Pflegedienste nur in erschreckend geringem Maße in Anspruch genommen werden. Die Gründe hierfür sind vielfältig:

  • Fehlende Aufklärung: Viele Betroffene kennen ihre rechtlichen Ansprüche auf Unterstützungsleistungen nicht im Detail.
  • Bürokratische Hürden: Der Weg zur Bewilligung von Pflegeleistungen wird oft als zu kompliziert und zeitraubend empfunden.
  • Finanzielle Hürden: Trotz Zuschüssen der Pflegekassen bleiben oft hohe Eigenanteile, die sich viele Familien schlichtweg nicht leisten können.
  • Regionale Engpässe: In vielen Regionen mangelt es an verfügbaren Plätzen in der Kurzzeit- oder Tagespflege sowie an Personal bei ambulanten Diensten.

Forderung nach einer echten "Work-Life-Care-Balance"

Angesichts dieser dramatischen Befunde fordern Vertreter von Krankenkassen, darunter der AOK-Bundesverband, dringend neue Konzepte für eine funktionierende Vereinbarkeit von Pflege, Familie und Beruf. Es bedarf nicht nur flexiblerer Arbeitsmodelle seitens der Arbeitgeber, sondern auch eines massiven Ausbaus niedrigschwelliger und bezahlbarer Unterstützungsangebote.

Nur wenn pflegende Angehörige spürbar und unbürokratisch entlastet werden, lässt sich ein drohender Kollaps in der häuslichen Versorgung abwenden. Für betroffene Familien bleibt vorerst der dringende Rat, sich frühzeitig an Pflegestützpunkte oder die Pflegekassen zu wenden, um individuelle Hilfsmöglichkeiten auszuloten und professionelle Unterstützung rechtzeitig anzunehmen.

Brauchen Sie Unterstützung bei der Pflege?

PflegeHelfer24 ist Ihr verlässlicher Partner. Entdecken Sie unsere Ratgeber oder lassen Sie sich kostenlos zu Pflegehilfsmitteln, Treppenliften und Zuschüssen beraten.