Krankenkassen schlagen Alarm: Explodierende Kosten in der Ergotherapie durch neue Verordnungen
Seit April 2024 genießen Ergotherapeuten in Deutschland deutlich mehr Behandlungsspielraum. Durch die sogenannte Blankoverordnung können sie eigenständig über Dauer, Frequenz und das genaue Heilmittel entscheiden, sobald der Arzt die grundsätzliche Notwendigkeit der Behandlung festgestellt hat. Doch was als Meilenstein für eine individuellere Patientenversorgung gefeiert wurde, entwickelt sich nun zu einer massiven finanziellen Belastung für das Gesundheitssystem.
GKV-Spitzenverband zieht ernüchterndes Zwischenfazit
Gut zwei Jahre nach der Einführung hat der GKV-Spitzenverband einen ersten Zwischenbericht vorgelegt und schlägt Alarm. Laut dem Vorstandsvorsitzenden Oliver Blatt macht die neue Regelung die Versorgung der Patienten zwar spürbar flexibler und individueller, treibt jedoch die Ausgaben dramatisch in die Höhe. Eine nachweisbare Verbesserung der Behandlungsqualität sei bisher hingegen nicht festzustellen.
Die Zahlen des Berichts sprechen eine deutliche Sprache:
- Während die Ausgaben für Ergotherapie im Jahr 2024 noch bei 2,12 Milliarden Euro lagen, kletterten sie 2025 auf 2,55 Milliarden Euro.
- Dies entspricht einem rasanten Anstieg von über 20 Prozent innerhalb eines einzigen Jahres.
- Zum Vergleich: Im gesamten Heilmittelmarkt lag das Ausgabenwachstum im selben Zeitraum bei lediglich rund zehn Prozent.
Extreme Kosten durch Einzelfälle
Als wesentlicher Kostentreiber wurden in dem Bericht unter anderem sogenannte Hochkostenfälle identifiziert. In einigen Einzelfällen belaufen sich die Behandlungskosten auf bis zu 20.000 Euro pro Patient. Obwohl diese Extremfälle nur einen kleinen Teil der Behandlungen ausmachen, binden sie bereits 3,6 Prozent der gesamten Ausgaben im Rahmen der Blankoverordnung.
Politische Maßnahmen zur Kostendämpfung gefordert
Für die gesetzlichen Krankenkassen ist diese Entwicklung auf Dauer nicht tragbar. Der GKV-Spitzenverband mahnt daher eindringlich zur Kostendämpfung und fordert die Politik zum Handeln auf. Es brauche dringend neue vertragliche und gesetzliche Rahmenbedingungen, um eine weitere unverhältnismäßige Mengen- und Ausgabensteigerung zu verhindern.
Die Kernforderung lautet: Die gewonnene therapeutische Freiheit muss zwingend mit einer echten wirtschaftlichen Verantwortung der Heilmittelerbringer einhergehen. Nur so könne vermieden werden, dass die ausufernden Kosten letztlich in Form von steigenden Kassenbeiträgen auf alle Versicherten abgewälzt werden.
Wie geht es nun weiter?
Trotz der scharfen Kritik erkennt der GKV-Spitzenverband auch positive Aspekte an. Die Flexibilisierung im Praxisalltag ist spürbar und Therapeuten schöpfen nicht pauschal das maximale Behandlungsvolumen bei jedem Termin aus. Dennoch bleibt die zentrale Frage, ob der finanzielle Mehraufwand in einem angemessenen Verhältnis zum medizinischen Nutzen für die Patienten steht. Die Politik ist nun am Zug, die Rahmenbedingungen der Blankoverordnung nachzuschärfen, bevor in zwei Jahren der finale Evaluationsbericht ansteht.
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