Medizintechnik in Gefahr: Dräger-Chef fordert Stopp des pauschalen PFAS-Verbots

Dominik Hübenthal
PFAS-Verbot: Drägerwerk warnt vor dramatischen Folgen für Medizintechnik

Die Europäische Union plant weitreichende Beschränkungen für eine umstrittene Chemikaliengruppe. Doch was als ambitionierter Umweltschutz gedacht ist, könnte für die deutsche Industrie und insbesondere die Medizintechnik dramatische Folgen haben. Angesichts dieser Bedrohung schlägt Stefan Dräger, Vorstandsvorsitzender des Medizin- und Sicherheitstechnikkonzerns Drägerwerk, nun Alarm und fordert ein sofortiges Eingreifen der deutschen Bundesregierung.

Unverzichtbar für die Medizin: Das Dilemma um PFAS

Hinter dem Kürzel PFAS verbergen sich per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Es handelt sich um eine Gruppe von mehr als 10.000 industriell hergestellten Chemikalien, die extrem wasser-, fett- und schmutzabweisend sind. Da sie sich in der Umwelt und im menschlichen Körper kaum abbauen, werden sie oft als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet. Einige dieser Verbindungen stehen im Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein.

Das Problem: In der modernen Hightech-Medizin sind PFAS derzeit oft alternativlos. Sie stecken in überlebenswichtigen Geräten, beispielsweise in Membranen für Beatmungs- und Dialysegeräte oder in speziellen Schläuchen für die Arzneimittelproduktion. Ein pauschales Verbot würde die Herstellung und den Betrieb solcher lebensrettenden Systeme akut gefährden.

Dräger fordert Kurswechsel der Bundesregierung

Für Stefan Dräger ist die aktuell diskutierte PFAS-Regelung schlichtweg existenzbedrohend – und das nicht nur für sein eigenes Unternehmen, sondern für den gesamten deutschen Industriestandort. Er appelliert eindringlich an die Politik in Berlin, das Ruder noch herumzureißen. Die Bundesregierung müsse jetzt eine politische Bewertung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen vornehmen und den EU-Vorschlag entsprechend entschärfen.

Den von Umweltaktivisten geprägten Begriff der „Ewigkeitschemikalien“ lehnt der Konzernchef entschieden ab, da dieser lediglich Unmut schüre. Statt eines Totalverbots plädiert er für einen differenzierten Ansatz:

  • Ausnahmen für nützliche Stoffe: Industriezweige sollen besonders wichtige PFAS weiter verwenden dürfen, sofern diese ungiftig und nicht wasserlöslich sind.
  • Strenge Kontrollen: Produktion, Gebrauch und die fachgerechte Entsorgung müssen lückenlos überwacht werden, damit die Substanzen nicht in die Umwelt gelangen.
  • Risikobasierte Regulierung: Es müsse klar unterschieden werden, da nicht alle PFAS-Verbindungen pauschal gefährlich seien.

Entscheidung bis Ende des Jahres erwartet

Das weitreichende Beschränkungsverfahren läuft auf EU-Ebene bereits seit 2023. Ironischerweise wurde es von Behörden aus fünf europäischen Ländern angestoßen – darunter auch Deutschland. Inzwischen gibt es jedoch Signale, dass ein radikales Totalverbot aller über 10.000 Substanzen voraussichtlich nicht umsetzbar ist.

Das Bewertungsverfahren soll bis Ende des Jahres 2026 abgeschlossen sein. Bis dahin bleibt die Unsicherheit in der Gesundheits- und Medizinbranche bestehen. Für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Patienten hängt viel davon ab, ob die Politik einen Kompromiss findet, der Umwelt- und Patientenschutz gleichermaßen gewährleistet.

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