Notaufnahmen am Limit: Warum wir die Seniorenversorgung neu denken müssen

Benedikt Hübenthal
Gesundheitsversorgung im Alter: Experte fordert neue Wege in der Pflege

Die demografische Entwicklung in Deutschland stellt das Gesundheitssystem vor eine beispiellose Herausforderung. Immer mehr hochaltrige Menschen sind auf medizinische und pflegerische Hilfe angewiesen, während Kliniken und Pflegeeinrichtungen bereits jetzt unter massivem Druck stehen. Vor diesem Hintergrund mahnt der renommierte Intensivmediziner Prof. Dr. Christian Karagiannidis dringende und tiefgreifende Änderungen in der Gesundheitsversorgung an.

Der Ansturm auf die Notaufnahmen

Schon heute bilden Menschen ab 75 Jahren die größte Patientengruppe in deutschen Notaufnahmen. „Die Zahl hochaltriger Patienten in den Notaufnahmen wird in den kommenden Jahren weiter stark steigen“, warnt Karagiannidis, der auch Mitglied des Expertenrats Gesundheit und Resilienz der Bundesregierung ist. Doch der Weg in die Klinik ist für Senioren oft mit erheblichen Belastungen verbunden. Eine fremde Umgebung kann bei älteren Menschen beispielsweise Ängste auslösen oder verstärken, was nicht selten zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustands führt.

Zudem ist das Krankenhaus nicht in jedem Fall der beste Anlaufpunkt für geriatrische Notfälle. Ein grundlegender Strukturwandel an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Medizin sei daher unausweichlich, um unnötige Krankenhauseinweisungen zu vermeiden, ohne die Versorgungsqualität zu gefährden.

Mobile Pflegeinterventionsteams als Lösungsansatz

Um das System vor dem Kollaps zu bewahren und älteren Patienten eine schonendere Behandlung zu ermöglichen, fordert der Experte neue Versorgungswege. Ein zentraler Schlüssel könnten speziell geriatrisch geschulte Interventionsteams sein. Diese sollen gezielt im häuslichen Umfeld oder im Pflegeheim eingesetzt werden, noch bevor ein Transport ins Krankenhaus unumgänglich wird.

  • Direkte Anbindung: Die Teams könnten direkt an die Rettungsleitstellen (112) oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst (116117) gekoppelt werden.
  • Ambulante Erstversorgung: Bei einem Notruf rückt zunächst das mobile Team aus, um die Situation vor Ort medizinisch und pflegerisch einzuschätzen.
  • Vermeidung von Klinikaufenthalten: Viele akute Krisen lassen sich durch geschultes Personal bereits im gewohnten Umfeld der Patienten stabilisieren.

Mehr Lebensqualität, weniger Systembelastung

„Wir brauchen mobile geriatrische Expertise, die frühzeitig einschätzt“, plädiert Karagiannidis für ein Umdenken in der Akutmedizin. Wenn es gelingt, die Geriatrie stärker ambulant auszurichten, profitieren alle Seiten: Hochbetagte Menschen bleiben länger in ihrer vertrauten Umgebung, das Risiko von Übertherapien am Lebensende sinkt, und die chronisch überlasteten Notaufnahmen sowie Intensivstationen werden spürbar entlastet.

Die Politik und die Kostenträger sind nun gefordert, die Rahmenbedingungen für solche innovativen Konzepte zu schaffen. Denn eines ist klar: Ein Weiter so wird den Bedürfnissen einer alternden Gesellschaft schon bald nicht mehr gerecht werden.

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