Pillen-Flut stoppen: Warum das Absetzen von Medikamenten oft der bessere Weg ist

Dominik Hübenthal
Deprescribing: Wann das Absetzen von Medikamenten sinnvoll ist

Medikamentöse Therapien bilden das Rückgrat der modernen medizinischen Versorgung. Doch was passiert, wenn die schiere Menge an Tabletten mehr schadet als nützt? Immer häufiger rückt ein Konzept in den Fokus, das auf den ersten Blick paradox erscheint: das gezielte Absetzen von Medikamenten, in der Fachsprache als "Deprescribing" bekannt. Führende Experten sind sich einig, dass dieser Schritt oft dringend notwendig ist – auch wenn er scheinbar im Widerspruch zu gängigen Therapieleitlinien steht.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff Deprescribing?

Unter Deprescribing versteht man den systematischen und ärztlich überwachten Prozess, bei dem Medikamente reduziert oder ganz abgesetzt werden. Dies betrifft vor allem Präparate, deren Nutzen nicht mehr gegeben ist oder bei denen das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen den potenziellen therapeutischen Effekt übersteigt. Besonders in der Pflege und bei älteren Menschen, die oft an mehreren chronischen Krankheiten gleichzeitig leiden (Multimorbidität), gewinnt dieses Thema massiv an Bedeutung.

Wenn Leitlinien an ihre Grenzen stoßen

Therapieleitlinien sind in der Regel auf spezifische Krankheitsbilder zugeschnitten. Wer an Bluthochdruck, Diabetes und Herzinsuffizienz leidet, erhält für jede einzelne Diagnose entsprechende Medikamente. Die Folge ist oft eine sogenannte Polypharmazie, bei der Patienten täglich fünf, zehn oder noch mehr verschiedene Präparate einnehmen müssen. Laut Diskussionen auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) kann das systematische Absetzen einzelner Wirkstoffe in solchen komplexen Fällen zwar formal gegen eine isolierte Leitlinie verstoßen, medizinisch aber absolut geboten sein. Der Mensch als Ganzes muss im Mittelpunkt der Behandlung stehen, nicht nur die einzelne Diagnose.

Die versteckten Gefahren der Polypharmazie

Die unkontrollierte Einnahme vieler verschiedener Medikamente birgt erhebliche Risiken, die im Pflegealltag oft unterschätzt werden:

  • Gefährliche Wechselwirkungen: Wirkstoffe können sich gegenseitig blockieren oder in ihrer Wirkung unkontrolliert verstärken.
  • Verordnungskaskaden: Eine Pille verursacht Nebenwirkungen, gegen die wiederum ein neues Medikament verschrieben wird.
  • Erhöhtes Sturzrisiko: Schwindel und Benommenheit als Nebenwirkung führen besonders bei Senioren häufig zu schweren Stürzen.
  • Kognitive Einschränkungen: Bestimmte Medikamentenkombinationen können Verwirrtheitszustände oder sogar ein Delir auslösen.

Weniger ist oft mehr: Der Weg zum aufgeräumten Medikationsplan

Ein Medikament einfach wegzulassen, ist jedoch keine Entscheidung, die Patienten oder pflegende Angehörige auf eigene Faust treffen sollten. Ein sicheres und erfolgreiches Deprescribing erfordert stets eine enge Abstimmung mit dem behandelnden Haus- oder Facharzt. Durch eine regelmäßige, kritische Überprüfung des Medikationsplans lässt sich herausfinden, welche Tabletten wirklich noch lebenswichtig sind und welche den Körper nur unnötig belasten. Oftmals berichten Patienten nach einer erfolgreichen Medikamentenreduktion von deutlich mehr Energie und einer spürbar höheren Lebensqualität. Es zeigt sich einmal mehr: In der modernen Altersmedizin kann das Weglassen von Therapien manchmal die beste Therapie überhaupt sein.

Brauchen Sie Unterstützung bei der Pflege?

PflegeHelfer24 ist Ihr verlässlicher Partner. Entdecken Sie unsere Ratgeber oder lassen Sie sich kostenlos zu Pflegehilfsmitteln, Treppenliften und Zuschüssen beraten.