Alarmierende Studie: Sucht am Arbeitsplatz betrifft jeden Vierten – Pflegebereich besonders im Fokus

Djamal Sadaghiani
Sucht am Arbeitsplatz: DGUV-Studie zeigt hohes Risiko in der Pflege

Ein Gläschen zur Entspannung nach einer harten Schicht oder der Griff zu aufputschenden Medikamenten, um den belastenden Arbeitsalltag zu überstehen: Problematischer Suchtmittelkonsum ist in der deutschen Arbeitswelt längst kein Randphänomen mehr. Eine aktuelle und repräsentative Umfrage im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) liefert nun besorgniserregende Zahlen. Demnach kennt jeder vierte Beschäftigte in Deutschland Fälle von riskantem Suchtverhalten im direkten Arbeitsumfeld. Besonders alarmierend für die Gesundheitsbranche: Das Sozial- und Pflegewesen gehört zu den am stärksten betroffenen Sektoren.

Alkohol bleibt das größte Risiko

Die durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführte Befragung von über 2.000 Erwerbstätigen zeichnet ein klares Bild der aktuellen Lage. Bei den konsumierten Suchtmitteln steht Alkohol unangefochten an der Spitze. Gut 21 Prozent der Befragten gaben an, dass Kollegen durch einen problematischen Alkoholkonsum aufgefallen sind. Mit deutlichem Abstand, aber dennoch höchst relevant, folgen Cannabis und Nikotin mit jeweils 5 Prozent. Illegale Drogen sowie der Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten werden von 4 Prozent der Beschäftigten als akutes Problem in ihrem beruflichen Umfeld benannt.

Pflege- und Sozialwesen überdurchschnittlich belastet

Für Einrichtungen im Gesundheitssektor birgt die Studie eine bittere Erkenntnis: Der Bereich des Sozialwesens, zu dem auch die Alten- und Krankenpflege zählt, weist mit 32 Prozent eine erschreckend hohe Quote an beobachtetem Suchtverhalten auf. In der branchenübergreifenden Auswertung liegt lediglich der Sektor Verkehr und Logistik mit 35 Prozent noch knapp davor.

In Berufen, in denen Menschenleben und das Wohlbefinden vulnerabler Personen im Mittelpunkt stehen, stellt dies ein massives Sicherheitsrisiko dar. Hoher Zeitdruck, unregelmäßiger Schichtdienst, chronischer Personalmangel und extreme emotionale Belastungen gelten in der Pflege seit jeher als Risikofaktoren. Diese Umstände können den Griff zu Suchtmitteln als vermeintliche, kurzfristige Bewältigungsstrategie tragischerweise begünstigen.

Sucht als Tabuthema: Es fehlt an offener Kommunikation

Obwohl das Problem in den Betrieben, Pflegeheimen und Kliniken von den Kollegen offensichtlich wahrgenommen wird, herrscht oft betretenes Schweigen. Laut der DGUV-Erhebung erleben lediglich 28 Prozent der Beschäftigten eine offene Gesprächskultur zum Thema Sucht an ihrem Arbeitsplatz. Zudem kennt nur knapp über die Hälfte der Mitarbeiter (54 Prozent) die internen betrieblichen Regelungen zum Umgang mit Suchtmittelproblemen.

Laut Dr. Stephan Fasshauer, dem Hauptgeschäftsführer der DGUV, beeinträchtigt Suchtmittelkonsum die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz massiv und erhöht das Unfallrisiko signifikant. Er mahnt an, dass problematischer Konsum im Arbeitsalltag zwar registriert, aber viel zu selten offen angesprochen werde. Eine wirksame und nachhaltige Prävention erfordere es, Risiken frühzeitig zu erkennen, das Gespräch zu suchen und Betroffene zu unterstützen, bevor aus ersten Anzeichen handfeste persönliche und berufliche Krisen entstehen.

Handlungsempfehlungen für Einrichtungen und Arbeitgeber

Um die Sicherheit von Pflegebedürftigen und Beschäftigten zu gewährleisten und betroffenen Kollegen rechtzeitig aus der Abwärtsspirale zu helfen, sind Arbeitgeber und Führungskräfte in der Pflicht. Experten der Unfallkassen empfehlen folgende zentrale Maßnahmen:

  • Aufklärung und Enttabuisierung: Das Thema Sucht muss zwingend aus der Tabuzone geholt werden. Regelmäßige Schulungen und Informationsangebote helfen dabei, Vorurteile und Hemmschwellen abzubauen.
  • Klare Leitlinien: Einrichtungen benötigen transparente Betriebsvereinbarungen zum Umgang mit Suchtmitteln, die jedem einzelnen Mitarbeiter von Beginn an bekannt sein müssen.
  • Schulung von Führungskräften: Stations- und Pflegedienstleitungen müssen gezielt befähigt werden, Verhaltensauffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und professionelle, wertschätzende Gespräche zu führen, ohne dabei vorschnell medizinische Diagnosen zu stellen.
  • Niederschwellige Hilfsangebote: Externe Beratungsstellen, psychologische Helplines oder speziell geschulte, betriebsinterne Vertrauenspersonen sollten als geschützte erste Anlaufstelle für gefährdete Mitarbeiter etabliert werden.

Die Ergebnisse der aktuellen DGUV-Befragung sind ein weithin sichtbarer Weckruf an die gesamte Arbeitswelt – und im Besonderen an das ohnehin stark beanspruchte Gesundheits- und Pflegewesen. Nur durch aufmerksames Hinschauen, gezieltes Aufklären und eine von Empathie geprägte Kultur der Unterstützung kann den Betroffenen geholfen und die hohe Qualität der Versorgung weiterhin sichergestellt werden.

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