AOK-Studie warnt: Geplante Einsparungen bei Pflegegraden halbieren sich
Die Pläne zur finanziellen Konsolidierung der gesetzlichen Pflegeversicherung erleiden einen herben Dämpfer. Eine aktuelle Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeigt, dass die von der Bundesregierung vorgesehene Anhebung der Schwellenwerte bei der Pflegebegutachtung deutlich geringere Einsparungen erzielen dürfte als bislang kalkuliert. Statt der erhofften vier Milliarden Euro pro Jahr seien realistischerweise lediglich rund zwei Milliarden Euro an Entlastung zu erwarten.
Der „Bunching-Effekt“ verschiebt die Punktegrenzen
Hintergrund der gedämpften Prognose ist ein statistisches und verhaltensbezogenes Phänomen: Bei Begutachtungen durch den Medizinischen Dienst ballen sich Bewertungen oft knapp oberhalb der bestehenden Schwellenwerte, ab denen ein höherer Pflegegrad greift. Eine Auswertung von rund 1,1 Millionen Begutachtungen aus dem Jahr 2024 belegt diesen sogenannten „Bunching-Effekt“ eindrücklich.
- Erstbegutachtungen: Bei knapp 21 Prozent der erstmaligen Einstufungen lag das Ergebnis genau im knappen Übergangsbereich zum nächsthöheren Pflegegrad.
- Höherstufungen: Rund 16 Prozent der Anträge auf einen höheren Pflegegrad erreichten punktgenau die nötige Mindestschwelle.
Nach Einschätzung des WIdO wird eine pauschale Verschiebung der Punktegrenzen nach oben dieses Muster nicht auflösen. Vielmehr sei davon auszugehen, dass sich die Häufungen schlicht an die neuen, höheren Grenzwerte anpassen. Dadurch verpufft ein beträchtlicher Teil der theoretisch errechneten Einsparungen.
Milliardendefizit der Pflegeversicherung bleibt drängend
Angesichts eines prognostizierten jährlichen Defizits der sozialen Pflegeversicherung von über 15 Milliarden Euro wächst damit der Druck auf die Politik. Die Anhebung der Zugangsvoraussetzungen sollte den kontinuierlichen Zuwachs bei den Leistungsbeziehern dämpfen, greift laut den Kassenexperten jedoch zu kurz.
Aus den Reihen der Pflegekassen wird gemahnt, dass rein rechnerische Schwellenwertanpassungen kein Ersatz für eine nachhaltige Struktur- und Finanzreform sind. Wenn die erhofften Entlastungen nur zur Hälfte eintreffen, müssen zeitnah tragfähige Alternativen geschaffen werden, um die pflegerische Versorgung langfristig auf ein solides finanzielles Fundament zu stellen.
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