Corona-Aufarbeitung: Fachleute rügen schwere Fehler bei der Krisenkommunikation

Benedikt Hübenthal
Corona-Aufarbeitung: Experten kritisieren Krisenkommunikation

Wie vermittelt man Schutzmaßnahmen, Risiken und wissenschaftliche Unsicherheiten, wenn eine weltweite Gesundheitskrise den Alltag von Millionen Menschen erschüttert? Mit dieser zentralen Fragestellung hat sich die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie befasst. Das Urteil geladener Sachverständiger fiel deutlich aus: In der staatlichen Krisenkommunikation gab es erhebliche Versäumnisse, die das Vertrauen der Bevölkerung strapaziert und den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschwächt haben.

Verschwommene Grenzen zwischen Wissenschaft und Politik

Einer der Hauptkritikpunkte der Expertenrunde betraf das Rollenverständnis während der Hochphase der Pandemie. Nach Einschätzung von Wissenschaftlern führte der Leitsatz „Follow the Science“ oft zu falschen Erwartungen und unklaren Zuständigkeiten. Statt wissenschaftliche Erkenntnisse als Beratungsgrundlage zu nutzen und politische Entscheidungen transparent selbst zu verantworten, hätten Entscheidungsträger wiederholt Verantwortung an die Forschung delegiert.

Umgekehrt überschritten auch Forschende gelegentlich ihre Kompetenzen, indem sie konkrete Maßnahmenpakete empfahlen, anstatt neutrale Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Für künftige Ausnahmesituationen plädieren Experten für den Grundsatz „Listen to Science“: Politik muss auf die Wissenschaft hören, die eigentliche Abwägung zwischen Gesundheitsschutz, Grundrechten und sozialen Folgen jedoch eigenständig treffen und begründen.

Ausfall zentraler Präventionsstrukturen

Besonders schwere Vorwürfe richteten sich gegen das Fehlen einer zielgruppengenauen Aufklärung vor Ort. Einrichtungen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung seien während der Krise weitgehend in den Hintergrund geraten, wodurch ein essenzieller Hebel der Gesundheitskommunikation gefehlt habe. Dadurch sei es kaum gelungen, die Lebensrealitäten verschiedener Bevölkerungsgruppen passgenau zu erreichen – ein Problem, das insbesondere im Bereich der Pflege, bei isolierten Senioren und bei vulnerablen Gruppen spürbare Verunsicherung stiftete.

  • Mangelnde Alltagskommunikation: Abstrakte Verordnungen ersetzten oft den verständlichen Dialog auf Augenhöhe.
  • Umgang mit Unsicherheit: Wissenslücken und veränderte Studienlagen wurden selten offen thematisiert, was bei späteren Kurskorrekturen zu Skepsis führte.
  • Fehlende Koordination: Wichtige Präventionsgremien blieben handlungsunfähig, statt pragmatische Aufklärungsarbeit zu leisten.

Welche Konsequenzen Experten fordern

Um bei künftigen Pandemien oder gravierenden Gesundheitsnotständen handlungsfähig zu bleiben, fordern die Fachleute eine grundlegende Neuaufstellung der staatlichen Informationspolitik. Vorgeschlagen werden unter anderem standardisierte Beratungsabläufe, die Einrichtung unabhängiger wissenschaftlicher Koordinierungsstellen und eine verlässliche, transparente Kommunikation von wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeiten. Nur wenn Unsicherheiten von Beginn an ehrlich benannt werden, lässt sich verhindern, dass notwendige Schutzmaßnahmen auf Unverständnis und gesellschaftliche Spaltung treffen.

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