Elektronische Patientenakte: Warum die erhoffte Selbstbestimmung oft scheitert

Dominik Hübenthal
ePA-Studie: Hohe Hürden bremsen digitale Selbstbestimmung im Gesundheitswesen

Die elektronische Patientenakte (ePA) gilt als eines der zentralen Zukunftsprojekte im deutschen Gesundheitswesen. Das erklärte Versprechen der Politik: Versicherte sollen durch einen unkomplizierten Zugriff auf ihre Gesundheitsdaten gestärkt, besser informiert und zu eigenverantwortlichen Entscheidungen befähigt werden. Doch der Weg zur gelebten digitalen Selbstbestimmung ist steinig. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Ernst-Abbe-Hochschule Jena verdeutlicht, dass die hohen Erwartungen bislang nur zu einem Bruchteil erfüllt werden.

Große Bekanntheit, aber geringe tatsächliche Nutzung

Zwar ist das Digitalisierungsvorhaben inzwischen einem Großteil der gesetzlich Versicherten ein Begriff, das aktive Interesse und die tatsächliche Nutzung bleiben jedoch ernüchternd gering. Laut den Forschungsergebnissen, die im Rahmen eines vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Projekts erhoben wurden, klafft zwischen der theoretischen Verfügbarkeit und der praktischen Anwendung eine tiefe Lücke.

Viele Versicherte scheitern bereits an der ersten großen Hürde: dem Anmeldeprozess. Rund jede zweite Person, die versucht, sich für die ePA-Nutzung zu registrieren, bricht den Vorgang vorzeitig ab. Mangelnde Nutzerfreundlichkeit, komplexe Sicherheitsabfragen und technische Hürden wie fehlende Online-Ausweisfunktionen oder PIN-Codes führen regelmäßig zu Frustration.

Gefahr einer digitalen und sozialen Spaltung

Besonders alarmierend sind die sozialstrukturellen Unterschiede, die die Wissenschaftler identifizieren konnten. Die Studie macht deutlich, dass das System bestehende Bildungs- und Einkommensunterschiede nicht ausgleicht, sondern mitunter weiter verschärft:

  • Bildung als Schlüsselfaktor: Während Versicherte mit höherem Bildungsabschluss deutlich häufiger Zugang zur Akte finden, liegt die Nutzungsquote bei Personen mit Hauptschulabschluss im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
  • Benachteiligung älterer Menschen: Auch ein höheres Alter korreliert stark mit geringeren Registrierungsversuchen und höheren Abbruchquoten.
  • Enttäuschung über bürokratische Barrieren: Wer bei der Einrichtung scheitert, wendet sich häufig dauerhaft von staatlichen Digitalangeboten ab.

Herausforderung für die Pflege und das Gesundheitssystem

Für die pflegerische und medizinische Versorgung birgt diese Entwicklung erhebliche Risiken. Gerade chronisch Kranke, Pflegebedürftige und ältere Menschen, die am stärksten von einem strukturierten Datenaustausch zwischen Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegediensten profitieren würden, bleiben digital außen vor.

Damit die elektronische Patientenakte ihr Potenzial für eine patientenzentrierte Versorgung entfalten kann, fordern Experten deutliche Nachbesserungen. Nötig seien barrierearme Zugangswege, eine verständlichere Aufbereitung der Gesundheitsdaten sowie niedrigschwellige Unterstützungsangebote, damit digitale Selbstbestimmung im Pflege- und Gesundheitsalltag keine theoretische Floskel bleibt.

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