Geburtshilfe in der Krise: Immer mehr Kreißsäle in Hessen schließen

Dominik Hübenthal
Weniger Kreißsäle in Hessen: 13 Geburtsstationen seit 2019 geschlossen

Die Vorfreude auf den Nachwuchs ist groß, doch für viele werdende Eltern in Hessen mischt sich zunehmend Sorge in die Erwartung: Wo wird unser Kind zur Welt kommen? Die Antwort auf diese Frage wird immer schwieriger, denn die Zahl der Entbindungsstationen im Bundesland schrumpft drastisch. Ein aktueller Bericht offenbart einen besorgniserregenden Trend in der hessischen Krankenhauslandschaft.

Ein alarmierender Trend: Zahl der Kreißsäle sinkt drastisch

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit dem Jahr 2019 haben in Hessen bereits 13 Kliniken ihre Geburtshilfe-Stationen für immer geschlossen. Dies geht aus einer aktuellen Antwort des hessischen Familienministeriums auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Abgeordneten René Rock hervor. Aktuell verfügen landesweit nur noch 39 Krankenhäuser über einen eigenen Kreißsaal. Damit setzt sich ein jahrelanger Abwärtstrend fort, der nicht nur Mediziner und Hebammen, sondern vor allem junge Familien beunruhigt.

Ist die Versorgung für Schwangere noch sichergestellt?

Trotz der anhaltenden Schließungswelle gibt die Landesregierung vorerst Entwarnung. Laut dem hessischen Familienministerium seien derzeit keine gravierenden Engpässe in der stationären Geburtshilfe bekannt. Die offizielle Statistik besagt, dass nahezu alle Frauen im gebärfähigen Alter – rund 97 Prozent – innerhalb von einer halben Stunde ein entsprechend ausgestattetes Krankenhaus erreichen können. Für knapp 60 Prozent der Frauen liege die Fahrzeit sogar bei maximal 15 Minuten.

Kritiker und Hebammenverbände weisen jedoch darauf hin, dass diese Durchschnittswerte die Realität in ländlichen Regionen oft beschönigen. Wenn in Flächenlandkreisen die nächste Geburtsklinik schließt, bedeutet das für betroffene Familien im Ernstfall nicht nur längere Anfahrtswege, sondern auch enormen psychischen Stress während der Wehen.

Warum schließen so viele Entbindungsstationen?

Das sogenannte "Kreißsaal-Sterben" ist kein rein hessisches Phänomen, sondern ein bundesweites Problem. Die Gründe für die Schließungen sind vielschichtig, lassen sich aber auf drei Kernprobleme reduzieren:

  • Gravierender Fachkräftemangel: Es fehlt an allen Ecken und Enden an qualifiziertem Personal. Viele Kliniken finden nicht genügend Hebammen, Gynäkologen und Anästhesisten, um einen sicheren 24-Stunden-Betrieb im Kreißsaal aufrechtzuerhalten.
  • Wirtschaftlicher Druck: Geburtshilfe ist für viele Krankenhäuser ein Verlustgeschäft. Hohe Vorhaltekosten für das Personal und teure Versicherungsprämien lassen sich durch die Fallpauschalen oft nicht decken – besonders dann nicht, wenn die Geburtenzahlen in einer kleineren Klinik gering sind.
  • Strenge gesetzliche Vorgaben: Neue Qualitätsrichtlinien und Mindestmengen zwingen kleinere Standorte oft zur Aufgabe, da sie die geforderten baulichen oder personellen Standards nicht mehr erfüllen können.

Was bedeutet das für werdende Eltern?

Für Schwangere bedeutet die Ausdünnung der Kliniklandschaft vor allem eines: Sie müssen sich deutlich früher um einen Platz zur Entbindung kümmern und teils längere Fahrwege in Kauf nehmen. Zudem wächst der Druck auf die verbleibenden 39 Geburtskliniken in Hessen. Diese müssen nun die Geburten auffangen, die früher auf mehr Schultern verteilt waren – was in Stoßzeiten zu überfüllten Kreißsälen und einer extremen Arbeitsbelastung für das dortige Personal führen kann.

Die Politik ist nun gefordert, nachhaltige Konzepte zu entwickeln, um die wohnortnahe und sichere Geburtshilfe auch in Zukunft zu garantieren. Denn eine Geburt lässt sich nicht planen – und schon gar nicht aufschieben, bis das nächste freie Bett in einer weit entfernten Klinik gefunden ist.

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