Leopoldina fordert Ende der Datensilos: So gelingt die Medizin der Zukunft
Deutschland schöpft sein Potenzial bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens bei Weitem nicht aus. Wertvolle Gesundheitsdaten werden zwar massenhaft gesammelt, versauern jedoch oft in isolierten Systemen. Ein aktuelles Fokuspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina schlägt nun Alarm und fordert ein radikales Umdenken: Verbindliche Standards und ein nahtloser Datenaustausch seien für die Medizin der Zukunft unerlässlich.
Das ungenutzte Potenzial der Gesundheitsdaten
Ob in Krankenhäusern, bei Krankenversicherungen oder in der medizinischen Forschung – täglich entstehen riesige Mengen an Gesundheitsdaten. Doch diese Informationen gleichen oft isolierten Inseln. Laut der Leopoldina-Arbeitsgruppe um die Medizinerin Prof. Dr. Sylvia Thun und den Informatiker Prof. Dr. Daniel Rückert fehlt es an der entscheidenden Verknüpfung. In ihrem Fokuspapier kritisieren die Fachleute, dass Daten oft nur in der Infrastruktur nutzbar sind, für die sie ursprünglich erhoben wurden.
Verlässliche und sicher verknüpfbare Daten könnten jedoch erhebliche Vorteile bringen:
- Bessere Patientenversorgung: Präzisere Diagnosen und individuell abgestimmte Behandlungen.
- Entlastung des Personals: Deutliche Reduzierung der überbordenden Dokumentationspflichten in der Pflege und Medizin.
- Mehr Transparenz: Patientinnen und Patienten erhalten durch die elektronische Patientenakte (ePA) einen besseren Überblick über ihre Gesundheit.
- Forschungsfortschritte: Gesundheitsbehörden und die Wissenschaft gewinnen essenzielle Erkenntnisse über Krankheitsverläufe.
Milliarden-Einsparungen durch Interoperabilität
Der fehlende Datenaustausch kostet nicht nur wertvolle Zeit, sondern auch viel Geld. Nach aktuellen Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) könnten durch eine funktionierende Interoperabilität zwischen zwei und sechs Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben eingespart werden. Geld, das dringend für die direkte Patientenversorgung und die Entlastung von Pflegekräften benötigt wird.
Kritik an der aktuellen Gesundheitspolitik
Die Autorinnen und Autoren des Papiers nehmen auch die Politik in die Pflicht. Zwar ist der European Health Data Space (EHDS) als europaweiter Rechts- und Infrastrukturrahmen bereits in Kraft getreten und soll bis zum Ende des Jahrzehnts umgesetzt werden. Auch erarbeitet die Bundesregierung derzeit ein entsprechendes Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen. Dennoch bemängelt das Leopoldina-Team, dass es für die konsequente Einführung digitaler Anwendungen an klaren Anreizen, verbindlichen Standards und messbaren Zielen fehle.
Damit IT-Systeme medizinische Daten sicher austauschen und korrekt interpretieren können, müssen technische Standards zwingend vorgeschrieben werden. Nur wenn Interoperabilität in allen Bereichen des Gesundheitswesens verbindlich umgesetzt wird, kann Deutschland den Anschluss an die moderne, datengetriebene Medizin finden und die Versorgung für alle nachhaltig verbessern.
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