Mehr ambulant statt Klinikbett: Grüne fordern Psychiatrie-Reform
Immer mehr Menschen in Deutschland nehmen bei psychischen Erkrankungen eine stationäre Krankenhausbehandlung in Anspruch. Gleichzeitig wächst die Zahl der Betten in psychiatrischen und psychosomatischen Fachabteilungen stetig an. Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen sieht in dieser Entwicklung ein Warnsignal und fordert in einem aktuellen parlamentarischen Antrag eine grundlegende Neuausrichtung des psychiatrischen Hilfesystems mit einem klaren Fokus auf ambulante und sektorenübergreifende Angebote.
Fehlende Anschlussversorgung treibt Drehtüreffekt an
Nach Ansicht der Oppositionspartei ist der hohe Druck auf die Kliniken vor allem die Folge gravierender struktureller Mängel im ambulanten Bereich. Vielerorts fehle es an passgenauen und wohnortnahen Hilfen im direkten Umfeld der Betroffenen. Insbesondere nach einer Entlassung aus dem Krankenhaus klafften oft Versorgungslücken, da geeignete ambulante Anschlussangebote nicht rechtzeitig zur Verfügung stünden.
Die Konsequenz dieser Schnittstellenprobleme sei eine erhebliche Fehl- und Überversorgung: Betroffene gerieten nicht selten in einen sogenannten Drehtüreffekt, bei dem auf eine Klinikentlassung schon nach kurzer Zeit eine erneute, oft vermeidbare stationäre Wiederaufnahme folge. Dies belaste nicht nur die seelisch erkrankten Menschen und deren Angehörige schwer, sondern verursache auch enorme volkswirtschaftliche Folgekosten im Gesundheitssystem.
Bestehende Modellprojekte in die Regelversorgung überführen
Um die Hilfen flexibler und bedarfsgerechter zu gestalten, fordern die Abgeordneten die konsequente Stärkung sektorenübergreifender Behandlungsformen. Im Mittelpunkt stehen dabei innovative Konzepte, die stationäre und ambulante Behandlungsansätze miteinander verzahnen:
- Stationsäquivalente Behandlung (StäB): Bei diesem Modell werden Patientinnen und Patienten im vertrauten häuslichen Umfeld durch ein multiprofessionelles Klinikteam intensiv therapiert. Die Rahmenbedingungen sollen so angepasst werden, dass deutlich mehr Krankenhäuser dieses Angebot etablieren können.
- Modellvorhaben nach § 64b SGB V: Krankenhäuser erhalten in diesen Projekten ein flexibles Gesamtbudget, um Patienten bedarfsorientiert über Sektorengrenzen hinweg zu begleiten. Solche erfolgreichen Modelle sollen entfristet und dauerhaft in die reguläre Versorgung überführt werden.
- Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA): Diese spezialisierten Einrichtungen sollen flächendeckend ausgebaut werden, um schwer und chronisch erkrankten Personen kontinuierliche Hilfe zu sichern.
Verlässliche Finanzierung für Fachpersonal angemahnt
Neben dem Ausbau ambulanter Strukturen und einem verbesserten Entlassmanagement drängt der Antrag auch auf finanzielle Korrekturen. Die vollständige Refinanzierung von tariflichen Personalkosten in der Psychiatrie und Psychosomatik müsse wieder uneingeschränkt gewährleistet werden. Nur mit verlässlichen Arbeitsbedingungen und einer fairen Bezahlung lasse sich der akute Fachkräftemangel im psychiatrischen Pflege- und Behandlungsbereich bewältigen und die personelle Basis für eine moderne Versorgung sichern.
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