Nach Katastrophen und Krisen: Psychotherapeuten fordern rasche seelische Nothilfe

Djamal Sadaghiani
Psychosoziale Notfallversorgung: BPtK fordert stärkeren Bevölkerungsschutz

Naturkatastrophen, Pandemien oder schwere Anschläge hinterlassen nicht nur sichtbare Trümmer und körperliche Verletzungen, sondern auch tiefe seelische Wunden. Um Betroffene, Angehörige, aber auch Einsatz- und Pflegekräfte in solchen Extremsituationen besser aufzufangen, fordert die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) nun einen massiven Ausbau der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV).

Wenn die Seele Erste Hilfe braucht

In einem aktuell veröffentlichten Impulspapier macht die Kammer deutlich, dass die psychische Gesundheit ein zentraler und unzertrennlicher Bestandteil des gesundheitlichen Bevölkerungsschutzes sein muss. Erfahrungen aus jüngsten Krisen, wie etwa der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal oder dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt, haben schonungslos offengelegt: Die psychosoziale Akuthilfe darf im Ernstfall nicht vom Zufall oder lokalen Einzelinitiativen abhängen.

Laut der BPtK-Präsidentin Dr. Andrea Benecke erschüttern Katastrophen die Menschen tiefgreifend. Wer Angehörige verliert, traumatische Gewalt erfährt oder als Pflege- und Rettungskraft in extremen Lagen bis an die Belastungsgrenze geht, benötigt verlässliche und sofortige Unterstützung. Die Strukturen für diese Hilfsangebote müssen daher rechtlich fest verankert und auf Großschadenslagen vorbereitet sein.

Die Kernforderungen für einen krisenfesten Bevölkerungsschutz

Um die Versorgungslücken an den Schnittstellen zwischen Akuthilfe und langfristiger Weiterbehandlung zu schließen, schlägt das Impulspapier konkrete Lösungswege vor:

  • Rechtliche Absicherung: Die Notfallversorgung für die Psyche muss in Gesetzen wie dem Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz verbindlich verankert und die Finanzierung dauerhaft gesichert werden.
  • Gestufte Versorgung (Stepped Care): Bei Großschadenslagen sollen niedrigschwellige gruppentherapeutische Angebote und unterstützende digitale Tools bereitstehen, um die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen.
  • Bessere Vernetzung: Unter der Federführung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) soll ein Runder Tisch der Bundesregierung die unterschiedlichen Akteure im Ernstfall besser koordinieren.
  • Prävention und Schulung: Die Bevölkerung und das Fachpersonal sollen durch gezielte Schulungen in „Psychologischer Erster Hilfe“ besser auf mögliche Krisen vorbereitet werden.

Schutz für diejenigen, die uns schützen

Besonders relevant für das Gesundheitswesen: Das Papier nimmt explizit auch das Gesundheitspersonal und die Rettungskräfte in den Fokus. Pflegekräfte und Sanitäter leisten in Krisenzeiten Übermenschliches und sind einem enormen Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen ausgesetzt. Ein funktionierendes PSNV-System ist daher nicht nur ein Akt der Menschlichkeit für die zivilen Opfer, sondern auch gelebter Arbeitsschutz für jene, die das System in Krisenzeiten am Laufen halten.

Mit diesem Vorstoß appellieren die Psychotherapeuten eindringlich an die Politik, die Krisenvorsorge nicht länger nur auf physische und infrastrukturelle Aspekte zu beschränken, sondern den seelischen Schutzschild der Gesellschaft proaktiv zu stärken.

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