Neue S3-Leitlinie schließt Versorgungslücke für junge Menschen mit Adipositas
Für viele Jugendliche und junge Erwachsene mit chronischen Erkrankungen gleicht der Wechsel von der vertrauten Kinder- und Jugendmedizin in die reguläre Erwachsenenversorgung einem Sprung ins kalte Wasser. Besonders kritisch ist diese Phase für junge Menschen mit Adipositas. Um zu verhindern, dass Betroffene in dieser sensiblen Übergangsphase aus dem medizinischen Raster fallen, gibt eine neue S3-Leitlinie nun erstmals klare und strukturierte Empfehlungen für eine erfolgreiche sogenannte Transition.
Warum der Übergang so herausfordernd ist
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Fast jedes fünfte Kind in Deutschland ist übergewichtig, und rund 5,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 17 Jahren leiden an krankhafter Fettleibigkeit (Adipositas). Wenn diese jungen Patientinnen und Patienten das Erwachsenenalter erreichen, stehen sie vor enormen Herausforderungen.
Zum einen durchlaufen sie tiefgreifende körperliche und psychosoziale Entwicklungsprozesse und sehen sich nicht selten mit Diskriminierungserfahrungen konfrontiert. Zum anderen fallen mit dem Ende der pädiatrischen Betreuung oft die vertrauten und stabilisierenden medizinischen Strukturen weg. Laut der Leitliniengruppe führt dies häufig zu einem gefährlichen Bruch in der Behandlungskette. Das Risiko ist hoch, dass die kontinuierliche ärztliche Betreuung abgebrochen wird, sich die Adipositas verschlimmert und weitere körperliche sowie psychische Begleiterkrankungen entstehen.
Was die neue S3-Leitlinie konkret verändert
Herausgegeben wurde die neue S3-Leitlinie von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), vertreten durch die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA), sowie der Gesellschaft für Transitionsmedizin (GfTM). Unterstützt wurde die wichtige Arbeit durch den Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).
Bisherige Leitlinien – sowohl in der Kinder- als auch in der Erwachsenenmedizin – haben die speziellen Bedürfnisse von Jugendlichen mit Adipositas oft nur unzureichend abgedeckt. Die neue Richtlinie setzt genau hier an und fordert einen strukturierten, standardisierten Übergang. Zu den Kernpunkten gehören:
- Jugendspezifische Themen: Aspekte wie Verhütung, Familienplanung oder die Berufswahl im direkten Kontext der Erkrankung werden nun gezielt in die ärztliche Beratung einbezogen.
- Multiprofessionelle Versorgung: Da es im Erwachsenenbereich häufig an spezialisierten Zentren für Adipositas fehlt, soll die Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen (wie Allgemeinmedizin, Endokrinologie und Psychotherapie) deutlich besser koordiniert werden.
- Eigenverantwortung stärken: Jugendliche sollen ab Beginn der Pubertät schrittweise an die Eigenverantwortung für ihre Ernährung, Bewegung und psychische Gesundheit herangeführt werden.
Ein Meilenstein für die Patientenversorgung
Der Wechsel in die Erwachsenenmedizin soll künftig in der Regel um den 18. Geburtstag erfolgen und spätestens bis zum 21. Lebensjahr abgeschlossen sein. Für junge Menschen, die keine schweren Begleiterkrankungen aufweisen und deshalb früher in die hausärztliche Versorgung wechseln, ist ebenfalls ein strukturierter Übergang mit lückenloser Informationsweitergabe vorgesehen.
Mit der neuen S3-Leitlinie wird ein entscheidender Schritt getan, um die Lebensqualität junger Menschen mit Adipositas langfristig zu verbessern. Eine kontinuierliche, spezialisierte Betreuung über die verletzliche Phase der Pubertät hinaus ist nicht nur medizinisch unerlässlich, sondern von enormer Bedeutung, um schweren Folgeerkrankungen im Erwachsenenalter wirksam vorzubeugen.
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