OECD-Studie dämpft Hoffnungen: Primärarztsystem löst Termin-Stau nicht
Die von der Bundesregierung geplante Einführung eines Primärversorgungssystems wird in Deutschland oft als Allheilmittel gegen lange Wartezeiten und explodierende Gesundheitskosten gehandelt. Doch eine aktuelle Vergleichsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) tritt nun kräftig auf die Euphoriebremse: Auf kurze bis mittlere Sicht sind weder wesentliche Kosteneinsparungen noch eine schnellere Vergabe von Facharztterminen zu erwarten.
Kein Automatismus für kürzere Wartezeiten
Das Konzept des sogenannten Gatekeepings sieht vor, dass Patientinnen und Patienten immer zuerst eine hausärztliche Praxis aufsuchen müssen, bevor sie an Fachärzte überwiesen werden. Die Autorinnen und Autoren der OECD-Studie betonen jedoch, dass der Erfolg solcher Modelle massiv von landesspezifischen Faktoren abhängt. Die grundsätzlichen Herausforderungen sind in fast allen OECD-Staaten gleich: Ein demografisch bedingter Anstieg des Behandlungsbedarfs trifft auf knappe finanzielle Ressourcen und einen Mangel an medizinischem Personal.
Ricarda Milstein, Mitautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen der Universität Hamburg, stellt klar, dass Gatekeeping-Systeme nicht grundsätzlich zu kürzeren Wartezeiten führen. Oftmals sei sogar das Gegenteil der Fall, was jedoch weniger am System selbst liege, sondern vielmehr an den ohnehin knappen Ressourcen im Gesundheitswesen.
Hausärzteverband warnt vor unrealistischen Erwartungen
Auch aus der medizinischen Praxis kommt Zustimmung zu den Ergebnissen der Studie. Nicola Buhlinger-Göpfarth, Co-Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, mahnt die Politik, keine falschen Erwartungen im Hinblick auf kurzfristige Einsparungen zu schüren. Das Primärarztsystem dürfe nicht als „eierlegende Wollmilchsau“ zur bloßen Kostensenkung missverstanden werden. Vielmehr müsse das eigentliche Ziel eine bessere und kontinuierlichere Behandlung der Patienten sein.
Finanzielle Anreize und Kapazitäten als Schlüssel
Laut dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi), das die Studie gefördert hat, zeigt die internationale Erfahrung, dass eine erfolgreiche Patientensteuerung vor allem verbindliche Regeln erfordert. Dr. Dominik von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zi, weist darauf hin, dass finanzielle Anreize ein zentrales Steuerungselement darstellen. In vielen Ländern werden beispielsweise Zuzahlungen oder Beitragsrabatte genutzt, um Patientinnen und Patienten zur Einhaltung der Überweisungswege zu motivieren.
Darüber hinaus verdeutlicht die OECD-Analyse, dass eine bloße Einschränkung des freien Zugangs zu Fachärzten nicht ausreicht. Entscheidend für den Abbau von Wartezeiten sind letztlich die real verfügbaren Kapazitäten in den Haus- und Facharztpraxen sowie die passenden institutionellen Rahmenbedingungen.
Was bedeutet das für das deutsche Gesundheitssystem?
- Überdurchschnittliche Inanspruchnahme: Deutschland liegt bei der Anzahl der Arztkontakte und den Gesundheitsausgaben deutlich über dem OECD-Durchschnitt.
- Qualität vor Kostenersparnis: Ein Primärversorgungssystem sollte vorrangig der besseren Koordinierung von Behandlungspfaden dienen und nicht primär als Sparmaßnahme konzipiert werden.
- Notwendige Rahmenbedingungen: Ohne ausreichende personelle Kapazitäten und gezielte Anreizstrukturen droht die Reform ins Leere zu laufen.
Die Diskussion um die richtige Ausgestaltung der Patientensteuerung in Deutschland dürfte mit diesen Erkenntnissen weiter an Fahrt aufnehmen. Klar ist jedoch: Ein einfaches Patentrezept für die komplexen Probleme des Gesundheitssystems gibt es nicht.
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