Paukenschlag im Gesundheitswesen: Techniker Krankenkasse kündigt Hausarztverträge

Djamal Sadaghiani
Techniker Krankenkasse kündigt Hausarztprogramm: Das ändert sich für Versicherte

Es ist ein drastischer Schritt mit Signalwirkung für das gesamte deutsche Gesundheitssystem: Die Techniker Krankenkasse (TK), Deutschlands größte gesetzliche Krankenversicherung, hat einen Großteil ihrer Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung (HzV) zum Jahresende gekündigt. Dieser Entscheidung ging eine brisante wissenschaftliche Auswertung voraus, die dem bisherigen Hausarztprogramm ein schlechtes Zeugnis ausstellt.

Wissenschaftliche Studie offenbart teure Ineffizienz

Hintergrund der massenhaften Kündigungen ist eine umfassende Evaluation durch das Hamburg Center for Health Economics (HCHE) unter der Leitung von Professor Dr. Jonas Schreyögg. Die Ergebnisse, die im Mai vorgestellt wurden, sind ernüchternd: Das Hausarztprogramm verfehlt demnach seine zentralen Ziele komplett.

Eigentlich sollte die hausarztzentrierte Versorgung dafür sorgen, dass Patienten besser durch das Gesundheitssystem gelotst werden. Der Hausarzt sollte als primäre Anlaufstelle fungieren, um unnötige Facharztbesuche und teure Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Laut der HCHE-Studie ist jedoch genau das Gegenteil der Fall. Die Untersuchung zeigte, dass die Teilnahme am Programm weder zu weniger Überweisungen an Fachärzte noch zu einer Reduktion von Klinikaufenthalten führte. Tatsächlich stieg die Zahl der Facharztkontakte sogar leicht an.

160 Millionen Euro Mehrkosten ohne messbaren Nutzen

Für die Krankenkasse bedeutet das Hausarztprogramm vor allem eines: immense Kosten. Ärztinnen und Ärzte, die an den HzV-Verträgen teilnehmen, erhalten laut Angaben der TK ein rund 30 Prozent höheres Honorar im Vergleich zur regulären vertragsärztlichen Versorgung. Da der erhoffte Steuerungseffekt ausblieb, verbucht die TK durch das Programm jährliche Mehrkosten in Höhe von rund 160 Millionen Euro – ein Betrag, der letztlich von der Versichertengemeinschaft getragen wird.

Einige Regionen bleiben von der aktuellen Kündigungswelle jedoch vorerst verschont. Die separaten Verträge in Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt waren nicht Teil der wissenschaftlichen Evaluation und laufen vorerst weiter.

Was bedeutet die Kündigung für TK-Versicherte?

Für die rund eine Million Patienten, die aktuell bei der TK in das Hausarztprogramm eingeschrieben sind, gibt es vorerst Entwarnung. Auch für die rund 10.000 teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte ändert sich kurzfristig nichts. Da gesetzliche Krankenkassen vom Gesetzgeber dazu verpflichtet sind, ihren Versicherten ein Hausarztprogramm anzubieten, gilt die Kündigung in Branchenkreisen in erster Linie als strategischer Auftakt für harte Neuverhandlungen.

  • Versorgung bleibt gesichert: Patienten werden weiterhin wie gewohnt von ihrem Hausarzt behandelt.
  • Honorare fließen weiter: Die Vergütung der Ärzte bleibt bis zum Abschluss eines neuen Vertrages bestehen.
  • Ziel der TK: Bis zum Jahresende sollen neue, effizientere Verträge mit den regionalen Hausärzteverbänden ausgehandelt werden.

Die Techniker Krankenkasse fordert für die Zukunft ein System, das mehr Verbindlichkeit schafft und Patienten gezielter steuert. Diskutiert wird unter anderem eine digitale Ersteinschätzung, die Patienten schon vor dem Arztbesuch die richtige Anlaufstelle aufzeigen soll. Ob sich die Hausärzteverbände auf diese neuen Bedingungen einlassen, werden die kommenden Monate zeigen.

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