Unterschätzte Gefahr im Krankenhaus: Wie Trinknahrung das Leben von Senioren schützt
Ein Krankenhausaufenthalt ist für ältere Menschen oft mit großen körperlichen Strapazen verbunden. Doch neben der eigentlichen Erkrankung lauert auf den Stationen eine weitere, oft übersehene Gefahr: die Mangelernährung. Ein aktueller, internationaler Cochrane-Review liefert nun vielversprechende Erkenntnisse darüber, wie eine gezielte Ernährungsintervention das Leben von Senioren schützen kann.
Die unsichtbare Gefahr im Klinikalltag
Mangelernährung ist ein massives, aber häufig unterschätztes Problem im deutschen Gesundheitssystem. Schätzungen und Studien von Ernährungsmedizinern zufolge sind bis zu 30 Prozent der stationär aufgenommenen Patienten – insbesondere ältere Menschen – mangelernährt oder von einer Mangelernährung bedroht. Die Gründe hierfür sind vielfältig: nachlassender Appetit, Magen-Darm-Beschwerden, Schluckstörungen oder schlicht die ungewohnte Umgebung und das oft fremde Krankenhausessen.
Die klinischen Konsequenzen eines schlechten Ernährungszustandes sind weitreichend. Betroffene leiden laut Experten häufiger unter:
- Einer deutlich verzögerten Wundheilung nach Operationen
- Einer erhöhten Anfälligkeit für gefährliche Infektionen
- Längeren und komplizierteren Krankenhausaufenthalten
- Einem insgesamt höheren Sterberisiko
Trinknahrung als effektiver Lebensretter
Wie eine umfassende Datenauswertung unter der Leitung von Forschern des Universitätsklinikums Freiburg in der renommierten Cochrane Database of Systematic Reviews zeigt, kann spezielle medizinische Trinknahrung hier einen entscheidenden Unterschied machen. Das Team um die Ernährungswissenschaftlerin PD Dr. Eva Kiesswetter analysierte dazu die Daten von über 3.300 älteren Krankenhauspatienten.
Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Wenn Senioren, die bereits mangelernährt oder davon akut bedroht sind, spezielle Trinknahrung für besondere medizinische Zwecke erhalten, sinkt im Vergleich zur medizinischen Standardversorgung sowohl das Sterberisiko als auch die Gefahr für schwerwiegende Komplikationen erheblich. Die positiven Effekte zeigten sich laut den Wissenschaftlern bereits innerhalb eines Monats beziehungsweise bis zur Entlassung aus der Klinik.
Andere Maßnahmen mit unklarer Evidenz
Interessanterweise ergab die Studie auch, dass andere gut gemeinte Ansätze – wie etwa die bloße Anreicherung von Speisen mit zusätzlichem Eiweiß, kalorienreiche Ergänzungsprodukte oder die individuelle Unterstützung beim Essen durch Pflegekräfte – keine vergleichbar klaren Erfolge aufwiesen. Die Forscher betonen jedoch, dass die Datenlage in diesem Bereich teilweise unzureichend sei, da hochwertige Ernährungsstudien mit mehrfach erkrankten Senioren im Klinikalltag eine große methodische Herausforderung darstellen.
Politik steuert um: Verpflichtendes Screening kommt
Die Erkenntnisse aus der Wissenschaft finden mittlerweile auch Gehör in der Politik. Der Deutsche Bundestag hat im Rahmen aktueller Krankenhausreformen beschlossen, dass die systematische Erkennung von Mangelernährung künftig verpflichtend wird. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist beauftragt, bis Ende 2027 verbindliche Qualitätsvorgaben für ein flächendeckendes Ernährungsscreening bei stationären Aufnahmen zu erarbeiten.
Für Patienten und deren Angehörige ist dies ein wichtiges Signal. Bis die flächendeckenden Screenings jedoch zur absoluten Routine im Klinikalltag werden, bleibt es ratsam, bei einem Krankenhausaufenthalt älterer Familienmitglieder selbst aufmerksam zu sein. Angehörige sollten das ärztliche und pflegerische Personal bei Verdacht auf Gewichtsverlust oder anhaltende Appetitlosigkeit aktiv auf die Möglichkeit von medizinischer Trinknahrung ansprechen, um Komplikationen frühzeitig vorzubeugen.
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