Weckruf der Pharmaindustrie: Deutsches Gesundheitssystem auf Krisen nicht vorbereitet

Dominik Hübenthal
Gesundheitssystem in der Krise: Medikamentenversorgung in Gefahr

Ist das deutsche Gesundheitswesen auf den Ernstfall vorbereitet? Geht es nach dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), lautet die Antwort auf diese überlebenswichtige Frage ganz klar: Nein. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen, fragiler Lieferketten und neuer globaler Bedrohungen hat der Verband nun eine umfassende Sicherheitsstrategie vorgelegt. Es ist ein alarmierender Weckruf für die deutsche Versorgungssouveränität.

Gefährliche Abhängigkeit bei lebenswichtigen Medikamenten

Die Versorgung mit Arzneimitteln ist längst kein reines Gesundheitsthema mehr, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit. Laut dem BPI ist die strukturelle Abhängigkeit Deutschlands und Europas bei kritischen Medikamenten in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Über 80 Prozent der hiesigen Arzneimittelversorgung besteht aus patentfreien Generika. Das beunruhigende Detail: Die Wirkstoffproduktion findet zu mehr als zwei Dritteln in Asien statt, vor allem in Indien, China und Bangladesch.

Wie Sebastian Schütze, Geschäftsführer Politik beim BPI, betont, stünde die deutsche Bevölkerung in einer globalen Krisensituation sehr schnell mit leeren Händen da. Wenn internationale Lieferketten abreißen oder Produktionsländer Exportstopps verhängen – wie es teilweise bereits während der Covid-19-Pandemie der Fall war –, drohen massive Versorgungsengpässe bei lebensrettenden Medikamenten.

Warum bisherige Gesetze nicht ausreichen

Zwar hat die Politik das Problem der Lieferengpässe erkannt, doch die bisherigen Maßnahmen greifen laut Experten zu kurz. Das 2023 verabschiedete Arzneimittellieferengpass- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) wird von Branchenkennern als weitestgehend wirkungslos eingestuft. Faktisch sind nur etwa zwei Prozent aller Arzneimittel von den Regelungen des Gesetzes betroffen. Noch immer sind Hunderte patentfreie Arzneimittel in Deutschland als nicht lieferbar gemeldet.

Das Nadelöhr der Antibiotika-Versorgung

Ein drastisches Beispiel für die Verwundbarkeit Europas ist die Produktion von Antibiotika. Nur noch ein Fünftel aller Fabriken, die Antibiotika-Wirkstoffe für den europäischen Markt herstellen, haben ihren Sitz in Europa. Ein zentraler Pfeiler ist das Sandoz-Werk im österreichischen Kundl – eine der letzten großen Penicillin-Produktionsstätten auf dem Kontinent, die vom Wirkstoff bis zum Endprodukt alles selbst herstellt.

Sicherheitsexperten bezeichnen solche Anlagen als 'Single-Point-of-Failure'. Fällt dieser Standort durch einen Cyberangriff, einen Energieausfall oder Naturkatastrophen aus, hat ganz Europa ein massives Problem bei der Versorgung mit Antibiotika. Hinzu kommt die wachsende Bedrohung durch antimikrobielle Resistenzen, die laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis 2050 mehr Todesopfer fordern könnten als Krebserkrankungen, wenn nicht gegengesteuert wird.

Ein 10-Punkte-Plan für die Zukunft

Um das Gesundheitssystem krisenfest zu machen, fordert der BPI ein konsequentes Umdenken. Versorgungssicherheit sei kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer vorausschauenden und verlässlichen Industriepolitik. Der Verband fordert unter anderem:

  • Die schnelle Umsetzung eines Gesundheitssicherstellungsgesetzes als zentrales Instrument der nationalen Sicherheitsvorsorge.
  • Den Abbau des extremen Preisdrucks bei Generika, der die heimische Produktion derzeit oft unwirtschaftlich macht.
  • Gezielte Investitionen und Anreize, um die Erforschung und Produktion von Arzneimitteln – insbesondere von neuen Antibiotika – wieder verstärkt nach Deutschland und Europa zurückzuholen.

Die Botschaft ist unmissverständlich: Wenn Forschung, Produktion und Innovation nicht dauerhaft in Europa verankert werden, bleibt die medizinische Versorgung der Bürger in Krisenzeiten ein unkalkulierbares Risiko. Es ist höchste Zeit, dass die Politik diesen Weckruf hört und handelt.

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