Ein Dekubitus, umgangssprachlich oft als "Wundliegen" bezeichnet, ist weit mehr als nur eine Hautrötung. Es handelt sich um eine ernstzunehmende, schmerzhafte und potenziell lebensbedrohliche Schädigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes. Für bettlägerige Senioren und pflegebedürftige Menschen stellt das Druckgeschwür eines der größten gesundheitlichen Risiken dar. Doch die gute Nachricht lautet: Dekubitus ist in den allermeisten Fällen vermeidbar.
In diesem umfassenden Fachartikel erfahren Sie alles Notwendige über effektive Lagerungstechniken, die Auswahl der richtigen Anti-Dekubitus-Matratze und die entscheidenden Schritte, um die Haut Ihrer Angehörigen intakt und gesund zu halten. Wir verzichten auf theoretischen Ballast und konzentrieren uns auf das, was in der häuslichen Pflege wirklich zählt: Praktische Anwendbarkeit, korrekte Hilfsmittelversorgung und Sicherheit.
Um einen Feind effektiv zu bekämpfen, muss man ihn verstehen. Ein Dekubitus entsteht durch langanhaltenden Druck auf eine bestimmte Hautstelle. Dieser Druck presst die feinen Blutgefäße (Kapillaren) zusammen, wodurch die Durchblutung unterbrochen wird. Das Gewebe wird nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt – es stirbt ab.
Dabei spielen drei Hauptfaktoren eine entscheidende Rolle, die Sie kennen müssen:
Druck (Kompression): Das Körpergewicht drückt von oben, die Matratze drückt von unten. Dazwischen wird das Gewebe eingequetscht, besonders dort, wo Knochen direkt unter der Haut liegen (z.B. Fersen, Kreuzbein).
Scherkräfte: Wenn ein Patient im Bett herunterrutscht und wieder hochgezogen wird, verschieben sich die Hautschichten gegeneinander. Die Blutgefäße werden gedehnt oder zerrissen.
Zeit: Druck mal Zeit ist die kritische Formel. Bereits nach zwei Stunden ununterbrochener Druckbelastung können bei Risikopatienten irreversible Schäden entstehen.
Druckpunkte kennen und entlasten schützt die Haut.
Früherkennung ist der Schlüssel. Ein Dekubitus entwickelt sich oft schleichend, kann aber rasend schnell eskalieren.
Stadium 1: Eine Rötung der Haut, die bei Fingerdruck nicht verblasst (Fingertest). Die Haut ist intakt, aber das Gebiet kann schmerzen, verhärtet oder wärmer sein als die Umgebung. Hier müssen Sie sofort handeln!
Stadium 2: Teilverlust der Haut. Es bildet sich eine flache, offene Wunde oder eine Blase (gefüllt mit klarer oder blutiger Flüssigkeit).
Stadium 3: Verlust der gesamten Hautdicke. Das Unterhautfettgewebe ist sichtbar. Es können sich Wundtaschen bilden.
Stadium 4: Vollständiger Gewebeverlust. Muskeln, Sehnen oder Knochen liegen frei. Das Infektionsrisiko ist extrem hoch, eine chirurgische Intervention oft unumgänglich.
Die effektivste Methode zur Vermeidung von Druckgeschwüren ist die regelmäßige Druckentlastung durch Lagerungswechsel. Es gibt keine "Wundersalbe", die das Umlagern ersetzt. Das Ziel ist es, den Druck von gefährdeten Körperstellen (Prädilektionsstellen) zu nehmen oder auf eine größere Fläche zu verteilen.
WICHTIG: Erstellen Sie einen Lagerungsplan. Dokumentieren Sie, wann der Pflegebedürftige wie gelagert wurde. Dies dient nicht nur der Übersicht, sondern ist auch bei der Zusammenarbeit mit Pflegediensten essenziell.
Ein Lagerungsplan schafft Sicherheit im Pflegealltag.
Nicht jede Position ist für jeden Patienten geeignet. Schmerzen, Kontrakturen (Gelenkversteifungen) oder Atemprobleme müssen berücksichtigt werden. Hier sind die bewährtesten Techniken für die häusliche Pflege:
Die klassische 90-Grad-Seitenlage (bei der der Patient komplett auf der Seite liegt) wird heute zur Dekubitusprophylaxe kaum noch empfohlen, da sie extremen Druck auf den großen Rollhügel (Hüftknochen) ausübt. Die 30-Grad-Lagerung ist die schonende Alternative.
Durchführung:
Der Patient liegt zunächst auf dem Rücken.
Schieben Sie ein Kissen unter eine Seite des Rückens (Schulter bis Gesäß), sodass der Körper um ca. 30 Grad geneigt ist.
Das Becken liegt nun schräg auf, das Kreuzbein (eine Hauptgefahrenzone) liegt "hohl" und ist vollständig entlastet.
Die Beine werden leicht gebeugt und nebeneinander abgelegt, nicht direkt übereinander, um Druckstellen an den Knien und Knöcheln zu vermeiden.
Vorteil: Diese Position ist meist sehr bequem und kann oft auch zum Schlafen genutzt werden.
Kissen stützen den Rücken optimal ab.
Die 30-Grad-Lage entlastet das Kreuzbein effektiv.
Diese Position ist eine Alternative für Patienten, die nicht gerne auf dem Rücken liegen oder am Kreuzbein bereits gefährdet sind.
Durchführung:
Aus der Seitenlage heraus wird der Patient weiter Richtung Bauch gedreht (ca. 135 Grad).
Ein Kissen unter dem Brustkorb und dem Becken auf der "Bauchseite" stützt den Körper ab.
Ein Bein ist gestreckt, das andere leicht angewinkelt (ähnlich der stabilen Seitenlage, aber weniger extrem).
Achtung: Achten Sie auf die Atmung und darauf, dass der Kopf bequem liegt und der Hals nicht überstreckt wird.
Wenn große Bewegungen Schmerzen verursachen oder der Patient sehr instabil ist, ist die Mikrolagerung das Mittel der Wahl. Hierbei wird die Position des Patienten nur minimal verändert.
Durchführung:
Verwenden Sie kleine Handtücher, Waschlappen oder kleine Kissen.
Schieben Sie diese abwechselnd unter die Hüfte, die Schulter oder die Fersen.
Schon eine Veränderung der Druckverteilung um wenige Zentimeter reicht aus, um die Durchblutung an einer zuvor belasteten Stelle wieder zu ermöglichen.
Diese Technik muss häufiger durchgeführt werden (z.B. alle 15-30 Minuten), ist aber körperlich für den Pflegenden weniger anstrengend.
Die Fersen sind extrem anfällig für Dekubitus, da hier der Knochen fast direkt unter der Haut liegt und das Beinwicht auf einer sehr kleinen Fläche ruht.
Durchführung:
Platzieren Sie ein Kissen unter den Unterschenkeln (Waden), sodass die Fersen frei in der Luft schweben.
Das Kissen darf nicht in die Kniekehle drücken, um den Blutrückfluss (Thrombosegefahr) nicht zu behindern.
Alternativ gibt es spezielle Fersenfreilagerungssysteme (Fersenschuhe) im Sanitätshaus.
Freiliegende Fersen verhindern schmerzhafte Druckstellen.
Diese Techniken nutzen große Lagerungskissen, um den Körper in bestimmte Formen zu bringen, was besonders bei Atemwegserkrankungen oder zur Rumpfstabilität hilfreich ist.
V-Lagerung: Zwei Kissen bilden ein "V" mit der Spitze am Steißbein. Der Oberkörper wird seitlich gestützt, die Wirbelsäule liegt frei. Gut zur Belüftung der Lungenflanken.
A-Lagerung: Zwei Kissen bilden ein "A" (Spitze am Kopf). Der Kopf liegt auf der Spitze, die Kissen führen unter den Armen hindurch. Dies fördert die Wahrnehmung und entlastet den Rücken mittig.
Lagerungstechniken sind unverzichtbar, aber ohne die richtige Unterlage oft ein Kampf gegen Windmühlen. Anti-Dekubitus-Systeme sind technische Hilfsmittel, die den Auflagedruck reduzieren. Sie werden je nach Dekubitus-Risiko oder bestehendem Dekubitus-Grad verordnet.
Hierbei handelt es sich meist um hochwertige Schaumstoffmatratzen (z.B. Viscoschaum, Kaltschaum) mit speziellen Einschnitten (Würfelstruktur).
Funktionsweise: Der Körper sinkt tief in das Material ein. Dadurch vergrößert sich die Auflagefläche und der Druck pro Quadratzentimeter sinkt.
Vorteile: Geräuschlos, keine Stromkosten, der Patient liegt stabil und spürt seinen Körper gut (wichtig für die Wahrnehmung).
Nachteile: Bei sehr hohem Risiko oft nicht ausreichend. Der Patient schwitzt eventuell stärker ("Einsink-Effekt").
Einsatzgebiet: Zur Vorbeugung (Prophylaxe) und bei Dekubitus bis Stadium 2 (je nach Modell).
Diese Systeme bestehen aus luftgefüllten Kammern, die durch ein Steuergerät (Pumpe) abwechselnd aufgepumpt und entleert werden.
Funktionsweise: Während einige Kammern prall gefüllt sind und den Körper stützen, sind andere leer, sodass die darüberliegende Hautstelle komplett druckentlastet ist. Dieser Zyklus wiederholt sich alle paar Minuten.
Vorteile: Sehr hohe Druckentlastung, auch für schwerste Dekubitus-Stadien geeignet.
Nachteile: Das Aggregat macht Geräusche (Brummen), was den Schlaf stören kann. Durch die ständige Bewegung kann Übelkeit oder Schwindel entstehen. Die Körperwahrnehmung wird erschwert ("Schwanken wie auf einem Schiff").
Einsatzgebiet: Bei hohem bis sehr hohem Risiko und bestehendem Dekubitus Stadium 3 oder 4.
Spezialschaum verteilt das Gewicht gleichmäßig.
Wechseldrucksysteme entlasten durch Luftkammern.
Eine moderne Kombination aus Schaumstoff und Luftkammern. Sie können oft sowohl statisch als auch dynamisch betrieben werden.
WICHTIG: Eine Matratze ersetzt niemals die manuelle Lagerung! Auch auf der besten Wechseldruckmatratze muss der Patient regelmäßig bewegt werden, wenngleich sich die Intervalle möglicherweise verlängern lassen.
In der Pflege halten sich hartnäckig einige Mythen, die dem Patienten mehr schaden als nutzen. Bitte vermeiden Sie Folgendes dringend:
Eisen und Fönen: Früher wurde empfohlen, gerötete Hautstellen zu massieren, zu "eisen" oder trocken zu fönen. Tun Sie das nicht! Dies schädigt das bereits angegriffene Gewebe zusätzlich.
Sitzringe (Gummiringe): Diese "Donuts" sind gefährlich. Sie entlasten zwar die Mitte, erzeugen aber an den Rändern einen extrem hohen Druck, der die Blutzufuhr zum gesamten Bereich abschnürt (Stauung).
Franzbranntwein: Alkohol trocknet die Haut aus und entzieht ihr den natürlichen Schutzfilm. Nutzen Sie stattdessen pH-hautneutrale Lotionen (Wasser-in-Öl-Emulsionen).
Felle (Synthetik oder Natur): Felle können Feuchtigkeit speichern und Falten werfen. Sie sind zur modernen Dekubitusprophylaxe nicht mehr der Standard und oft unhygienisch.
In Deutschland haben Versicherte einen gesetzlichen Anspruch auf eine ausreichende Versorgung mit Hilfsmitteln. Hier ist die Unterscheidung wichtig:
Krankenkasse: Zuständig, wenn das Hilfsmittel zur Sicherung des Erfolgs einer Krankenbehandlung dient oder eine Behinderung ausgleicht. Bei einem Dekubitus (oder dem hohen Risiko) ist dies meist der Fall. Sie benötigen ein Rezept vom Hausarzt.
Pflegekasse: Zuständig für Pflegehilfsmittel, die die Pflege erleichtern.
Diagnose & Rezept: Der Arzt muss die Notwendigkeit bescheinigen. Auf dem Rezept sollte nicht nur "Anti-Dekubitus-Matratze" stehen, sondern idealerweise die Art (z.B. "Wechseldrucksystem bei Dekubitus Grad 3") und die Hilfsmittelnummer (falls bekannt).
Sanitätshaus: Reichen Sie das Rezept bei einem Vertragspartner Ihrer Kasse (Sanitätshaus) ein. Diese kümmern sich um den Kostenvoranschlag bei der Kasse.
Genehmigung: Die Kasse prüft (oft unter Einbeziehung des Medizinischen Dienstes - MD) und genehmigt.
Zuzahlung: Gesetzlich Versicherte müssen in der Regel eine Zuzahlung von maximal 10 Euro pro Hilfsmittel leisten, sofern sie nicht befreit sind.
Tipp: Wenn die Kasse ablehnt, legen Sie sofort Widerspruch ein. Oft wird im zweiten Anlauf genehmigt, wenn eine detaillierte Begründung des Arztes oder Pflegedienstes nachgereicht wird.
Lagerung ist Physik, aber der Körper ist Biologie. Die Widerstandsfähigkeit der Haut hängt massiv von der Ernährung und Pflege ab.
Ein mangelernährter Körper kann kein Gewebe reparieren.
Protein (Eiweiß): Baustoff für Zellen. Achten Sie auf eiweißreiche Kost (Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Fleisch, Fisch) oder nutzen Sie nach Absprache mit dem Arzt Eiweiß-Trinknahrung.
Flüssigkeit: Ausgetrocknete Haut ist unelastisch und reißt schnell. Senioren sollten (sofern keine Herz/Nieren-Einschränkung vorliegt) mindestens 1,5 bis 2 Liter täglich trinken.
Mikronährstoffe: Zink, Vitamin C und Arginin sind wichtig für die Wundheilung.
Inkontinenz-Management: Urin und Stuhl greifen den Säureschutzmantel der Haut aggressiv an (Mazeration). Feuchte Haut weicht auf und ist extrem anfällig für Druckschäden. Wechseln Sie Inkontinenzmaterial sofort nach Ausscheidung. Nutzen Sie moderne, atmungsaktive Vorlagen, keine Plastikwindeln.
Hautschutz: Verwenden Sie Barrierecremes in den Intimbereichen, die die Haut vor Feuchtigkeit schützen, aber die Poren nicht verstopfen.
Inspektion: Kontrollieren Sie bei jeder Körperpflege die Haut auf Rötungen – besonders an Fersen, Knöcheln, Hüfte, Kreuzbein, Schulterblättern und Ohren.
Ausreichend Trinken hält die Haut elastisch.
Eine effektive Dekubitusprophylaxe ist ein 24-Stunden-Job. Das regelmäßige Umlagern – auch nachts – bringt pflegende Angehörige schnell an ihre körperlichen und psychischen Grenzen.
Hier kann professionelle Unterstützung entscheidend sein:
Ambulanter Pflegedienst: Kann morgens und abends bei der Grundpflege und Hautinspektion unterstützen, kann aber nicht alle 2 Stunden zum Lagern kommen.
24-Stunden-Pflege: Eine im Haushalt lebende Betreuungskraft kann die notwendigen Lagerungsintervalle deutlich besser gewährleisten und auch nachts (nach Absprache und Arbeitszeitregelung) unterstützen. Sie achtet zudem auf Ernährung und Flüssigkeitszufuhr.
Drucken Sie sich diese Liste aus und gehen Sie sie regelmäßig durch:
[ ] Hautkontrolle: Täglich (morgens und abends) alle Risikostellen prüfen.
[ ] Matratze prüfen: Ist die Anti-Dekubitus-Matratze funktionstüchtig? Ist der Druck korrekt eingestellt (Hand-Check: Passt eine Handbreit zwischen Matratzenboden und Gesäß des Patienten?)?
[ ] Faltenfreies Laken: Liegt das Bettlaken glatt? Krümel im Bett entfernt?
[ ] Lagerungsplan: Wird der Patient regelmäßig bewegt? (Intervall individuell festlegen, z.B. alle 2-3 Stunden).
[ ] Ernährung: Hat der Angehörige heute genug getrunken und Eiweiß zu sich genommen?
[ ] Transfer: Wurde beim Hochziehen im Bett darauf geachtet, nicht zu "zerren" (Scherkräfte), sondern den Patienten anzuheben oder Rutschmatten zu nutzen?
[ ] Schläuche: Liegen Katheterschläuche oder Sauerstoffschläuche so, dass sie nicht unter dem Patienten drücken?
Sichern Sie sich monatlich Bettschutzeinlagen, Desinfektionsmittel und Einmalhandschuhe im Wert von 40€ – direkt von der Pflegekasse finanziert.
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Dekubitusprophylaxe ist eine Kombination aus Technik, Beobachtung und Disziplin. Die richtige Matratze ist die Basis, aber sie ersetzt nicht die menschliche Fürsorge und das regelmäßige Umlagern. Achten Sie auf die 30-Grad-Lagerung, halten Sie die Fersen frei und sorgen Sie für eine eiweißreiche Ernährung.
Wenn Sie unsicher sind, ob die aktuelle Versorgung ausreicht, scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe einzufordern. Ein Dekubitus ist kein Schicksal, das man hinnehmen muss, sondern ein medizinisches Problem, das man lösen kann.
Stand der Informationen: 2026. Bitte beachten Sie, dass medizinische Ratschläge individuell mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden müssen.
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