Absage an Migräne-DMP: Bund sieht Selbstverwaltung am Zug

Benedikt Hübenthal
Migräne-DMP: Bundesregierung lehnt staatliche Initiative ab

Migräne zählt zu den am meisten unterschätzten Volkskrankheiten in Deutschland. Millionen Betroffene kämpfen regelmäßig mit pochenden Schmerzen, Übelkeit und extremer Lichtempfindlichkeit. Dennoch wird es von staatlicher Seite vorerst kein bundesweites strukturiertes Behandlungsprogramm geben. Die Bundesregierung stellte in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage klar, dass sie den Gemeinsamen Bundesausschuss nicht mit der Entwicklung eines Disease-Management-Programms für Migräne beauftragen wird.

Millionen Fehltage im Beruf

Die Dimension der Erkrankung spiegelt sich deutlich in den aktuellen Gesundheitsdaten wider. Im Jahr 2024 wurden rund eine Million Migränefälle erfasst, die zu einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit führten. Insgesamt summierten sich diese Krankheitsphasen auf etwa 3,4 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage. Die Auswertungen der gesetzlichen Krankenversicherung verdeutlichen zudem, wie ungleich die Geschlechter betroffen sind:

  • Frauen: Rund 710.000 gemeldete Fälle verursachten circa 2,4 Millionen Fehltage.
  • Männer: Etwa 317.000 Betroffene sorgten für rund 990.000 Krankheitstage.
  • Dauer: Bei 94 Prozent der Betroffenen dauerte die Krankschreibung bis zu sieben Tage, nur sechs Prozent fielen länger aus.

Verweis auf die gesundheitspolitische Selbstverwaltung

Trotz dieser hohen Belastung für Betroffene und Wirtschaft sieht die Bundespolitik keinen Grund für ein direktes Eingreifen. Die Begründung: Ein entsprechendes Verfahren beim Gemeinsamen Bundesausschuss könne auch ohne Ministeriumswunsch gestartet werden. Antragsberechtigt seien die Trägerorganisationen wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen sowie die unparteiischen Vorsitzenden oder maßgebliche Patientenorganisationen.

Auch bei gezielten Schulungsprogrammen verweist die Regierung auf bestehende Instrumente. Chronisch kranke Versicherte können über eine ärztliche Verordnung ergänzende Leistungen zur Rehabilitation in Anspruch nehmen, um Strategien für den Alltag mit der Schmerzkrankheit zu erlernen.

Warum ein DMP für Betroffene wichtig wäre

Disease-Management-Programme existieren bereits für verschiedene chronische Leiden wie Diabetes, Asthma oder chronische Rückenschmerzen. Ihr Ziel ist es, Schnittstellen zwischen Haus- und Fachärzten besser zu verzahnen, die Diagnostik zu beschleunigen und Betroffene vor Folgeproblemen zu schützen.

Bei Migräne greifen viele Erkrankte mangels passender Therapieangebote jahrelang zu freiverkäuflichen Schmerzmitteln. Das birgt erhebliche Risiken, da eine Überdosierung chronische medikamenteninduzierte Dauerkopfschmerzen auslösen kann. Ein koordiniertes Behandlungsprogramm könnte helfen, diesen Teufelskreis frühzeitig zu durchbrechen und die Versorgungsqualität spürbar anzuheben.

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