Alarm bei ME/CFS und Diabetes: Experten fordern Fünf-Punkte-Plan

Benedikt Hübenthal
ME/CFS und Diabetes: DDG stellt neuen Fünf-Punkte-Plan vor

Rund 650.000 Menschen in Deutschland leiden Schätzungen zufolge an der Myalgischen Enzephalomyelitis/dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Für die Betroffenen ist bereits der Alltag eine immense Herausforderung. Doch was passiert, wenn zu dieser schweren Multisystemerkrankung noch eine weitere chronische Diagnose wie Diabetes hinzukommt? Die ohnehin prekäre Versorgungslage droht dann vollends zu kollabieren. Um diesem Szenario entgegenzuwirken, haben die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Verband der Diabetesberatungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) nun einen Fünf-Punkte-Plan vorgestellt.

Gefährliche Wechselwirkungen: Wenn zwei Welten aufeinandertreffen

ME/CFS ist weitaus mehr als nur chronische Erschöpfung. Wie Carmen Scheibenbogen, stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Immunologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin, betont, betrifft die Erkrankung das Immunsystem, das Nervensystem, die Gefäßregulation sowie den gesamten Energiestoffwechsel.

Wenn eine solche Multisystemerkrankung auf Diabetes trifft, entsteht ein hochkomplexes klinisches Bild. Besonders tückisch: Die Symptome und Therapiemaßnahmen beider Krankheiten können sich gegenseitig massiv beeinflussen. So können beispielsweise Störungen des autonomen Nervensystems, die bei ME/CFS typisch sind, die Wahrnehmung von Unterzuckerungen verschleiern oder den Blutzuckerspiegel unberechenbar machen. Ein standardisiertes Diabetes-Management gerät hier schnell an seine Grenzen.

Der Fünf-Punkte-Plan: Ein Rettungsanker für Betroffene?

Die DDG und der VDBD schlagen Alarm: Das derzeitige Gesundheitssystem ist auf diese Doppeldiagnose unzureichend vorbereitet. Der neu vorgestellte Fünf-Punkte-Plan zielt darauf ab, die strukturellen Defizite in der Versorgung rasch zu beheben. Auch wenn die flächendeckende Umsetzung noch aussteht, fokussieren sich die Forderungen von Experten bei solchen Doppeldiagnosen auf wesentliche Kernbereiche:

  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Diabetologen, Hausärzte und ME/CFS-Spezialisten müssen engmaschiger vernetzt werden, um Behandlungsfehler zu vermeiden.
  • Angepasste Therapieziele: Die strikte Blutzuckereinstellung muss an die extremen Belastungsgrenzen der ME/CFS-Patienten angepasst werden, um fatale Zustandsverschlechterungen (sogenannte Crashs) zu verhindern.
  • Telemedizinische Angebote: Da viele ME/CFS-Betroffene das Haus nicht verlassen können, sind digitale Konsultationen und ärztliche Hausbesuche unerlässlich.
  • Schulung des Fachpersonals: Diabetesberater und Pflegekräfte benötigen dringend spezifisches medizinisches Wissen über das Krankheitsbild ME/CFS.
  • Entlastung der Angehörigen: Pflegende Angehörige übernehmen oft die Hauptlast der täglichen Versorgung und brauchen dringend mehr professionelle Unterstützung.

Ein Weckruf an die Gesundheitspolitik

Die Initiative der medizinischen Fachgesellschaften ist ein dringend notwendiger Schritt. Für die schätzungsweise 650.000 ME/CFS-Betroffenen in Deutschland ist eine flächendeckende, spezialisierte medizinische Infrastruktur längst überfällig. Kommt Diabetes als Begleiterkrankung hinzu, wird aus einer Versorgungslücke schnell eine massive Gefahr für die Patientensicherheit. Es liegt nun an den politischen Entscheidungsträgern und den Krankenkassen, die weitreichenden Vorschläge ernst zu nehmen und zügig in die Regelversorgung zu integrieren.

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