Apotheker schlagen Alarm: Kassen-Ausschreibungen gefährden Krebspatienten
In der Gesundheitspolitik bahnt sich ein neuer Konflikt um Versorgungsqualität und Sparmaßnahmen an. Über Änderungsanträge zum Notfallreformgesetz plant die Bundespolitik offenbar, das Instrument der Ausschreibungen für individuell hergestellte Krebsarzneimittel (Zytostatika) sowie für medizinische Hilfsmittel wieder einzuführen. Der Deutsche Apothekerverband (DAV) reagiert darauf mit scharfer Kritik und warnt vor schwerwiegenden Konsequenzen für betroffene Patientinnen und Patienten.
Sensible Krebstherapien verlangen kurze Wege
Die Zubereitung und Verabreichung von Zytostatika gehört zu den anspruchsvollsten Bereichen der pharmazeutischen Versorgung. Krebsmedikamente werden hochgradig individuell für jeden Patienten nach aktuellen Laborwerten und Behandlungsplänen dosiert und frisch zubereitet. Der Verband betont, dass dieses eingespielte Dreiecksverhältnis zwischen behandelnden onkologischen Fachpraxen, spezialisierten Reinraum-Apotheken und den Erkrankten nicht durch bürokratische Preiskämpfe gefährdet werden darf.
Sollten Krankenkassen die Versorgung künftig wieder ausschließlich an die jeweils billigsten Anbieter vergeben, droht nach Einschätzung von Branchenvertretern ein massiver Qualitätsverlust. Kurze Lieferwege und die unverzichtbare Flexibilität bei kurzfristigen Therapieanpassungen stünden auf dem Spiel, wenn Lieferungen über weite Strecken durch wenige Großanbieter erfolgen müssten.
Marktkonzentration bedroht wohnortnahe Apotheken
Ein zentraler Kritikpunkt ist die drohende Verdrängung regionaler Versorger. Bereits in den Jahren 2016 und 2017, als vergleichbare Regelungen galten, zeigte sich eine bedenkliche Marktkonzentration. Wenn exklusive Großverträge nur noch an wenige Zentren vergeben werden, verlieren viele spezialisierte Apotheken vor Ort ihre wirtschaftliche Grundlage zur Aufrechterhaltung aufwendiger Reinraumlabore.
- Verlust der wohnortnahen Betreuung: Krebspatienten und Angehörige verlieren vertraute Ansprechpartner in der Region.
- Gefahr von Lieferengpässen: Monopolartige Strukturen erhöhen das Risiko totaler Versorgungsausfälle bei technischen oder logistischen Störungen.
- Rückbau von Speziallaboren: Müssen Labore schließen, lässt sich diese Infrastruktur im Krisenfall nicht kurzfristig reaktivieren.
Wirtschaftlicher Nutzen wird angezweifelt
Neben den medizinischen Bedenken stellt der DAV auch den finanziellen Nutzen der geplanten Ausschreibungen infrage. Durch ein Schiedsstellenverfahren zur sogenannten Hilfstaxe, das Anfang Oktober wirksam wird, geben Apotheken künftig Herstellerrabatte direkt an die gesetzlichen Krankenkassen weiter. Dies führt nach offiziellen Berechnungen bereits zu jährlichen Einsparungen von rund 160 Millionen Euro. Zusätzliche Ausschreibungen brächten daher kaum weiteren finanziellen Mehrwert, setzten aber die Versorgungssicherheit aufs Spiel.
Auch Hilfsmittelversorgung für Pflegebedürftige unter Druck
Die Kritik erstreckt sich ebenso auf die geplante Rückkehr zu Hilfsmittelausschreibungen. Ob Inkontinenzartikel, Rollstühle, Pflegebetten oder Prothesen: Pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen sind auf eine passgenaue, qualitativ hochwertige und individuell angepasste Ausstattung angewiesen.
Wird bei der Auftragsvergabe lediglich auf den niedrigsten Preis geachtet, führt dies erfahrungsgemäß zu minderwertiger Materialqualität und deutlichen Abstrichen beim Service- und Beratungsaufwand. Die Verbände fordern die Politik daher auf, die Versorgungsstabilität über reine Kassenrabatte zu stellen und bewährte Versorgungsnetzwerke nicht erneut zu zerschlagen.
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