Defibrillatoren nach Herzinfarkt: Neue Studie stellt Routine-Einsatz infrage
Über Jahrzehnte hinweg galt der vorsorgliche Einsatz eines implantierbaren Kardioverter-Defibrillators (ICD) als feste Säule in der Nachsorge bestimmter Herzinfarkt-Patienten. Wenn die Pumpleistung der linken Herzkammer nach einem Infarkt stark eingeschränkt ist, schützt das Gerät vor lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und dem plötzlichen Herztod. Doch eine aktuelle wissenschaftliche Auswertung zeigt nun: Der statistische Überlebensvorteil durch die routinemäßige Implantation ist in den vergangenen zwanzig Jahren drastisch gesunken.
Medizinischer Fortschritt verändert die Ausgangslage
Die aktuellen Leitlinien stützen sich maßgeblich auf Studienergebnisse aus den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren. Damals senkte die prophylaktische Implantation eines Defibrillators die Sterblichkeit von Betroffenen mit einer linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) von höchstens 35 Prozent signifikant. Allerdings hat sich die kardiologische Regelversorgung seitdem grundlegend gewandelt.
Durch moderne Medikamente zur Behandlung von Herzschwäche, verbesserte Blutverdünner und schnelle Akutinterventionen bei einem Gefäßverschluss erholen sich viele Herzen nach einem Infarkt heute deutlich besser als vor zwei Jahrzehnten. Infolgedessen treten lebensgefährliche Kammerflimmern-Episoden seltener auf als früher, wodurch auch der präventive Nutzen der Geräte schrittweise abgenommen hat.
Mehr als 32.000 Patientendaten ausgewertet
Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) untersuchte im Rahmen des PROFID-Forschungsprojekts Datensätze von mehr als 32.000 Betroffenen aus mehreren Jahrzehnten. Dabei wurden drei Zeitabschnitte verglichen: 1995 bis 2004, 2005 bis 2014 sowie die Jahre ab 2015.
Das Ergebnis der Analyse: Während der ICD in den Anfangsjahren einen deutlichen Schutz bot, war dieser Überlebensvorteil bei den zuletzt ausgewerteten Patientengruppen statistisch kaum noch nachweisbar. Das bedeutet nicht, dass Defibrillatoren grundsätzlich wirkungslos geworden sind, sondern dass die reine Pumpleistung allein nicht mehr ausreicht, um festzulegen, wer tatsächlich von einem solchen Eingriff profitiert.
Bedeutung für die Pflege und Nachsorge
Für Pflegekräfte, pflegende Angehörige und Betroffene ist dieser Wandel von hoher Relevanz. Die Implantation eines Defibrillators ist ein operativer Eingriff, der mit Risiken, regelmäßigen Kontrolluntersuchungen und gelegentlich psychischen Belastungen durch Fehl-Schocks verbunden sein kann. Die neuen Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer individuelleren Risikobewertung:
- Personalisierte Therapie: Anstelle eines pauschalen Routineeingriffs fordern Experten präzisere Diagnoseverfahren, um genau jene Patienten zu identifizieren, deren Rhythmusrisiko trotz optimaler Medikamenteneinstellung erhöht bleibt.
- Fokus auf Arzneimitteltherapie: Die konsequente und leitliniengerechte Medikamenteneinnahme nach einem Infarkt bleibt das entscheidende Fundament, um die Herzfunktion zu stabilisieren.
- Sorgfältige Aufklärung: Bestehende ICD-Träger müssen sich keine Sorgen machen – für bereits implantierte Geräte gelten die individuellen ärztlichen Empfehlungen unverändert fort.
Um die Behandlungsleitlinien künftig auf eine neue, evidenzbasierte Grundlage zu stellen, laufen derzeit groß angelegte randomisierte Studien. Sie sollen klären, welche Patientengruppen unter den Bedingungen der modernen Medizin weiterhin zwingend von einem vorsorglichen Defibrillator profitieren.
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