Fixierung auf der Intensivstation: Neue Studie stellt Routine infrage
Die Fixierung von Armen und Beinen ist auf vielen Intensivstationen noch immer gängige Praxis. Ziel dieser Maßnahme ist es, zu verhindern, dass maschinell beatmete Patienten sich in einem unruhigen Zustand selbst die lebenswichtigen Beatmungsschläuche oder venösen Zugänge entfernen. Doch der Eingriff in die persönliche Freiheit ist ethisch und medizinisch stark umstritten. Eine aktuelle, groß angelegte Studie liefert nun wichtige Erkenntnisse darüber, ob diese weitreichende Maßnahme im Klinikalltag wirklich in jedem Fall notwendig ist.
Weniger Fesseln, gleicher Schutz?
Forscher aus Frankreich haben sich dieser drängenden Frage angenommen und die Ergebnisse ihrer Untersuchung im renommierten Fachblatt JAMA (Journal of the American Medical Association) veröffentlicht. In der klinischen Studie wurden über 400 erwachsene Patienten auf zehn verschiedenen Intensivstationen begleitet. Alle Teilnehmer wurden invasiv beatmet.
Die Mediziner teilten die Patienten zufällig in zwei Gruppen ein:
- Restriktive Strategie (wenig Fixierung): Handgelenksfesseln wurden nur im äußersten Notfall bei schwerer Unruhe angelegt.
- Liberale Strategie (hohe Fixierung): Die Fixierung erfolgte systematisch und wurde täglich neu bewertet, wie es in vielen Kliniken Standard ist.
Die überraschenden Ergebnisse der Studie
Die Experten gingen ursprünglich der Frage nach, ob weniger Fixierungen die Dauer von Delirium oder Koma bei den Patienten verkürzen könnten. Zwar zeigte sich in dieser Hinsicht kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen, doch die eigentliche Sensation lag in der Sicherheit der Patienten.
Die Befürchtung vieler Pflegekräfte und Ärzte, dass ein Verzicht auf Fixierungen zu lebensgefährlichen Situationen durch selbst gezogene Schläuche führen könnte, bestätigte sich nicht. Die Raten der sogenannten Selbstextubationen lagen in beiden Gruppen nahezu gleichauf bei rund neun Prozent. Auch die Sterblichkeitsrate nach 90 Tagen wies keine gravierenden Unterschiede auf.
Ein Umdenken in der Intensivmedizin
Die Studienautoren ziehen aus diesen Daten ein klares Fazit: Der routinemäßige und großzügige Einsatz von physischen Fixierungen bei kritisch kranken Patienten auf der Intensivstation ist oftmals überflüssig. Eine zurückhaltende, restriktive Anwendung der Handgelenksfesseln kann sicher in den Behandlungsalltag integriert werden, ohne die Patientensicherheit zu gefährden oder den Bedarf an starken Beruhigungsmitteln zu erhöhen.
Für die Pflegepraxis bedeutet dies einen enormen Schritt nach vorn. Ein bewussterer Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen schützt nicht nur die Autonomie und Würde der schwerstkranken Patienten, sondern könnte langfristig auch das Pflegepersonal entlasten und ethische Konflikte am Krankenbett reduzieren. Die Erkenntnisse dürften somit auch in deutschen Kliniken für intensive Diskussionen sorgen und bestehende Leitlinien auf den Prüfstand stellen.
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