Gegen Billig-Versorgung: Verbände warnen vor Hilfsmittel-Ausschreibungen

Benedikt Hübenthal
Hilfsmittelversorgung: Verbände warnen vor Rückkehr zu Ausschreibungen

Ein breites Bündnis aus der Gesundheitsbranche schlägt Alarm: Insgesamt 20 Verbände der Hilfsmittel- und Medizintechnikbranche stellen sich in einem gemeinsamen Positionspapier geschlossen gegen Pläne, Ausschreibungen bei der Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln wieder einzuführen. Die Organisationen, zu denen unter anderem der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) gehört, warnen eindringlich vor gravierenden Qualitätsverlusten für Millionen Patientinnen, Patienten und Pflegebedürftige.

Erfahrungen der Vergangenheit: Das Billigstbieter-Prinzip scheiterte

Die Kritik der Verbände stützt sich auf deutliche Erfahrungswerte. Vor dem gesetzlichen Verbot von Ausschreibungen im Jahr 2019 führten reine Preiswettbewerbe bei sensiblen Produkten – etwa bei Inkontinenzhilfen, Stoma-Artikeln oder Rollstühlen – regelmäßig zu massiven Missständen. Durch das sogenannte Billigstbieterprinzip kamen oft minderwertige Produkte zum Einsatz, die den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen nicht gerecht wurden.

Die Folgen waren nicht nur eine spürbar verminderte Lebensqualität für pflegebedürftige Menschen, sondern auch gesundheitliche Rückschritte und Hautkomplikationen. Krankenkassen mussten infolgedessen teure Folgebehandlungen finanzieren, womit die vermeintlichen Einsparungen schnell verpufften.

Eingeschränkte Wahlfreiheit und regionale Engpässe

Neben Einbußen bei der Materialgüte führten frühere Ausschreibungspraktiken zu spürbaren Versorgungslücken. Versicherte verloren das Recht, ihren vertrauten Leistungserbringer – wie das lokale Sanitätshaus oder spezialisierte Homecare-Dienste – frei zu wählen. Bei Ausschreibungsgewinnern kam es zudem häufig zu Lieferverzögerungen, was insbesondere chronisch Kranke und multimorbide Pflegebedürftige vor enorme Hürden stellte.

Was die Verbände jetzt fordern:

  • Fokus auf Versorgungsqualität: Qualität und persönliche Beratung müssen im Mittelpunkt stehen, nicht allein der niedrigste Beschaffungspreis.
  • Wahlfreiheit sichern: Versicherte müssen weiterhin die Möglichkeit haben, spezialisierte Anbieter ihres Vertrauens zu wählen.
  • Bürokratie abbauen: Statt neuer Ausschreibungsverfahren fordern die Verbände vereinfachte Prozesse zwischen Kassen, Herstellern und Sanitätshäusern.
  • Gerechte Vergütungsstrukturen: Angemessene Vertragspauschalen sollen die wohnortnahe Versorgung dauerhaft sichern.

Verlässlichkeit in der Pflege statt Sparzwang

Angesichts des wachsenden Spardrucks in der Gesetzlichen Krankenversicherung wird der Ruf nach Einsparungen lauter. Die Hilfsmittelbranche verweist jedoch darauf, dass die Ausgaben für Hilfsmittel in den vergangenen Jahren trotz des demografischen Wandels nur moderat gestiegen sind. Eine Rückkehr zu alten Fehlern dürfe nicht als Hebel zur Haushaltskonsolidierung missbraucht werden.

Für die häusliche und stationäre Pflege bleibt die bedarfsgerechte Hilfsmittelversorgung ein entscheidender Pfeiler für Selbstständigkeit und Würde im Alter. Die 20 beteiligten Verbände fordern die Politik daher auf, an den bewährten Qualitätsstandards festzuhalten und den Weg einer verlässlichen Partnerschaft auf Augenhöhe weiterzugehen.

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