Impfquoten bei Kindern sinken in vielen EU-Ländern drastisch
Nach jahrzehntelangen Erfolgen bei der Bekämpfung gefährlicher Infektionskrankheiten zeichnet sich in Europa eine besorgniserregende Entwicklung ab: In zahlreichen Ländern der Europäischen Union gehen die Impfquoten bei Kindern wieder spürbar zurück. Was lange Zeit als überwunden galt, könnte durch die nachlassende Impfbereitschaft erneut zu einem ernsten Problem für die öffentliche Gesundheit werden.
Trendwende seit der Pandemie
Die Kehrtwende bei den Impfraten setzte nach aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen vor allem während und im Nachgang der COVID-19-Pandemie ein. Über viele Jahre hinweg verzeichneten die Gesundheitssysteme in den EU-Staaten stabile oder kontinuierlich steigende Quoten bei den standardmäßigen Grundimmunisierungen im Säuglings- und Kindesalter. Dieser positive Trend hat sich nun in vielen Regionen umgekehrt.
Zu den betroffenen Schutzimpfungen gehören unter anderem die Immunisierungen gegen klassische Kinderkrankheiten und schwere Infektionen wie:
- Masern, Mumps und Röteln (MMR): Hochgradig ansteckende Viruserkrankungen, die schwere Komplikationen nach sich ziehen können.
- Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (Pertussis): Lebensbedrohliche bakterielle Infektionen, die besonders für Säuglinge hochgefährlich sind.
- Poliomyelitis (Kinderlähmung): Eine Erkrankung, deren Ausrottung in Europa als Meilenstein galt.
Warum die Impfbereitschaft nachlässt
Fachleute sehen vielschichtige Gründe für das Absinken der Impfzahlen. Zum einen führten Lockdowns, überlastete Arztpraxen und verschobene Vorsorgeuntersuchungen während der Pandemiejahre dazu, dass viele empfohlene Impftermine schlicht verpasst oder aufgeschoben wurden.
Zum anderen hat die allgemeine Impfmüdigkeit zugenommen. Die intensive öffentliche Debatte rund um die Corona-Impfstoffe sowie die Verbreitung von Fehlinformationen in sozialen Medien haben das Vertrauen in etablierte Impfprogramme bei Teilen der Bevölkerung nachhaltig geschwächt. Hinzu kommt eine gewisse Sorglosigkeit: Da viele der Erkrankungen dank hoher Durchimpfungsraten in den letzten Jahrzehnten selten geworden sind, geraten deren Risiken im gesellschaftlichen Bewusstsein zunehmend in Vergessenheit.
Gefahr für den Herdenschutz und vulnerable Gruppen
Um Ausbrüche hochinfektiöser Krankheiten wie Masern zuverlässig zu verhindern, ist eine Durchimpfungsrate von mindestens 95 Prozent in der Bevölkerung erforderlich. Sinkt die Quote unter diese kritische Schwelle, bricht der sogenannte Herdenschutz zusammen.
Dies gefährdet nicht nur ungeimpfte Kinder, sondern insbesondere jene Menschen, die aus medizinischen Gründen – etwa wegen angeborener Immunschwächen oder schwerer Vorerkrankungen – nicht selbst geimpft werden können. Auch für Säuglinge in den ersten Lebensmonaten, die noch zu jung für bestimmte Impfungen sind, steigt das Ansteckungsrisiko rasant an.
Forderung nach gezielter Aufklärung und einfachen Zugängen
Gesundheitsexperten fordern angesichts der aktuellen Datenlage rasche Gegenmaßnahmen von Politik und Gesundheitssystemen. Neben gezielten Aufklärungskampagnen zur Wiederherstellung des Vertrauens in bewährte Schutzimpfungen brauche es niedrigschwellige Angebote für Familien, um versäumte Immunisierungen unkompliziert nachzuholen. Nur durch gemeinsame Anstrengungen lasse sich verhindern, dass vermeidbare Infektionskrankheiten in Europa wieder flächendeckend Fuß fassen.
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