Kassenärzte-Chef hält Termingarantie für eine Nebelkerze

Djamal Sadaghiani
Facharzt-Termingarantie: KBV-Chef Gassen warnt vor falschen Versprechen

Große politische Reformversprechen treffen derzeit auf die harte Realität des deutschen Gesundheitssystems. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, hat deutliche Zweifel an einer gesetzlichen Termingarantie für Facharzttermine geäußert. Die Idee, jedem Patienten zeitnah und bedingungslos einen Termin beim Spezialisten zu sichern, bezeichnete der Verbandschef im Podcast „Lebensretter“ der Björn-Steiger-Stiftung unmissverständlich als politische „Nebelkerze“.

Kapazitätsgrenzen in den Praxen erreicht

Nach Ansicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung lässt sich ein solches Versprechen schlicht aus Kapazitätsgründen nicht einlösen. Das System der niedergelassenen Mediziner arbeite bereits unter enormer Belastung, weshalb eine flächendeckende Garantie für jede Fachrichtung rechnerisch gar nicht darstellbar sei.

  • Mengenproblem: Nach Gassens Einschätzung kann kein Gesundheitssystem garantieren, dass jeder Patient zu jeder Zeit bei einem Wunsch-Facharzt vorstellig werden kann.
  • Bestehende Engpässe: Viele Facharztpraxen verzeichnen schon jetzt lange Vorlaufzeiten und volle Terminkalender.
  • Versorgungssicherheit: Reine Fristvorgaben ohne zusätzliche ärztliche Kapazitäten verschärfen den Druck auf Praxisteams, ohne die Versorgungsqualität zu heben.

Das geplante Primärarztsystem und seine Tücken

Die gesundheitspolitischen Pläne sehen vor, die Patientenströme künftig strukturierter zu steuern. Im Zentrum soll die Hausarztpraxis als erste Anlaufstelle stehen, die bei Bedarf eine gezielte Überweisung mit Terminvorgabe an Fachärzte veranlasst. Sollte im ambulanten Sektor kein Termin verfügbar sein, ist vorgesehen, auch Klinikambulanzen einzubinden. Für Kinder und Jugendliche sollen entsprechende Erstkontakte über Kinderarztpraxen laufen, ergänzt durch digitale Vorab-Einschätzungen.

Wenngleich eine verbesserte Koordination grundsätzlich befürwortet wird, mahnen Ärztevertreter vor überzogenen Erwartungen an den Begriff der Garantie. Eine echte Entlastung könne nur gelingen, wenn klare Kriterien regeln, welche Behandlungsanlässe sofortige Priorität besitzen und welche Beschwerden einen längeren zeitlichen Vorlauf vertragen.

Fokus auf medizinisch dringende Fälle

Statt pauschaler Garantien fordert die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine konsequente Ausrichtung an der medizinischen Dringlichkeit. Patienten mit akutem oder schwerwiegendem Behandlungsbedarf müssten rasch und losgelöst vom Versicherungsstatus in die passenden Versorgungsebenen gesteuert werden.

Für weniger dringliche oder chronische Beschwerden müsse es hingegen gesellschaftlich akzeptiert sein, dass Termine wie in vielen anderen Ländern mit einem gewissen Vorlauf vergeben werden. Zudem plädiert Gassen im Kontext der Notfallversorgung weiterhin für stärkere Steuerungsinstrumente, um die Überlastung von Notaufnahmen durch nicht akut behandlungsbedürftige Beschwerden wirksam einzudämmen.

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