KBV fordert Umdenken: Praxen müssen als Wirtschaftsfaktor anerkannt werden

Benedikt Hübenthal
KBV fordert Reformkurs: Arztpraxen als Wirtschaftsfaktor anerkennen

Die ambulante Versorgung bildet das zentrale Fundament des deutschen Gesundheitssystems. Tagtäglich fangen niedergelassene Haus- und Facharztpraxen Millionen Patientenkontakte ab und entlasten damit die oft überlasteten Kliniken. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) fordert nun mit Nachdruck einen grundlegenden Perspektivwechsel in der Gesundheitspolitik: Praxen dürfen nicht länger als reiner Kostenfaktor betrachtet werden, sondern müssen als unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor und Stabilitätsanker für den Standort Deutschland verstanden und gestärkt werden.

Finanzierungsdruck und wachsende Herausforderungen

Die Liste der offenen Baustellen im Gesundheitssystem ist lang. Neben einer nachhaltigen Lösung für die strukturellen Finanzierungsfragen der gesetzlichen Krankenversicherung stehen drängende Großprojekte an – darunter die Neuordnung der Notfallversorgung und der Ausbau einer zukunftsfähigen Primärversorgung. Für niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner geht es dabei um existenzielle Rahmenbedingungen.

Die KBV mahnt an, dass Investitionen in Praxen sowie eine leistungsgerechte Vergütung die Grundvoraussetzung dafür sind, dass auch in Zukunft eine flächendeckende Versorgung gewährleistet werden kann. Steigende Betriebskosten, energetische Belastungen und Tarifanpassungen für Praxispersonal setzen viele Einrichtungen unter erheblichen wirtschaftlichen Druck.

Kernpunkte für einen Kurswechsel

Um das Praxissystem langfristig krisenfest aufzustellen, sieht die ärztliche Standesvertretung insbesondere in folgenden Bereichen dringenden Handlungsbedarf:

  • Verlässliche Honorierung: Ein Ende von Budgetierungen und Kürzungsmechanismen, um Planungssicherheit für Praxisinhaber und Nachwuchsmediziner zu schaffen.
  • Strukturierte Notfallreform: Eine klare Trennung zwischen echter Notfallmedizin in Krankenhäusern und der ambulanten Akutversorgung durch Praxen, um Notaufnahmen gezielt zu entlasten.
  • Bürokratieabbau: Eine drastische Reduzierung zeitraubender Dokumentations- und Nachweispflichten, damit mehr Arbeitszeit für die direkte Patientenfürsorge zur Verfügung steht.
  • Praxistaugliche Digitalisierung: Digitale Anwendungen müssen den Versorgungsalltag spürbar erleichtern und reibungslos funktionieren, anstatt Praxisabläufe zu blockieren.

Bedeutung für die Pflege und Patientenversorgung

Eine Schwächung des ambulanten Sektors hätte gravierende Folgen für das gesamte Pflegesystem. Insbesondere pflegebedürftige und chronisch kranke Menschen sind auf eine enge, wohnortnahe Zusammenarbeit zwischen Pflegediensten, Pflegeheimen und betreuenden Hausärzten angewiesen. Nur wenn Arztpraxen wirtschaftlich tragfähig bleiben und ausreichend Personal binden können, lassen sich Hausbesuche und die kontinuierliche medizinische Betreuung in der Langzeitpflege sicherstellen.

Die Forderung nach Anerkennung der Praxen als relevanter Wirtschaftsfaktor zielt darauf ab, den ambulanten Sektor nicht als Belastung, sondern als Schlüssel zur Bewältigung der demografischen Entwicklung zu begreifen. Die kommenden gesundheitspolitischen Weichenstellungen werden entscheidend dafür sein, ob die bewährte wohnortnahe Versorgung in Deutschland zukunftssicher bleibt.

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