Klinik-Notfälle: Mehr als jeder zweite Einsatz trifft die Normalstation
In vielen Köpfen gilt die Intensivstation als der Ort, an dem um das Überleben von Patienten gekämpft wird. Die Wirklichkeit im Klinikalltag sieht jedoch anders aus: Ein Großteil der lebensbedrohlichen Zwischenfälle spielt sich dort ab, wo die Überwachung am geringsten ist – auf den regulären Pflegestationen. Das verdeutlicht der neue Jahresbericht „Innerklinisches Notfallmanagement 2025“ des Deutschen Reanimationsregisters, das unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin geführt wird.
Alarmierende Zahlen aus deutschen Krankenhäusern
Die Auswertung von mehr als 11.000 Einsätzen innerklinischer Notfallteams aus 158 Kliniken offenbart eine deutliche Tendenz: Rund 54,5 Prozent aller Notfalleinsätze entfallen auf Normalstationen. In 6.135 Fällen mussten die Teams eine klassische Reanimation durchführen, während in weiteren 4.837 Fällen eine akute Verschlechterung des Allgemeinzustands stabilisiert wurde, bevor das Herz gänzlich stillstand.
Dass nun auch kritische Zwischenfälle ohne Reanimation systematisch erfasst werden, liefert wichtige Erkenntnisse für das Personal. Die Daten belegen, dass erfolgreiche Notfallmedizin weit vor dem Herz-Kreislauf-Stillstand ansetzen muss, um Folgeschäden oder Todesfälle verlässlich abzuwenden.
Warum Normalstationen besonders anfällig sind
Auf Intensiv- und Überwachungsstationen sind Patientinnen und Patienten rund um die Uhr an Monitore angeschlossen. Jede Abweichung von Puls, Sauerstoffsättigung oder Blutdruck löst sofort ein optisches oder akustisches Signal aus. Auf einer Normalstation ist dies standardmäßig nicht der Fall. Hier hängt die Erkennung einer kritischen Verschlechterung vor allem von den regelmäßigen Kontrollrunden der Pflegefachkräfte ab.
Im oft dichten Pflegealltag und bei hohem Arbeitsaufkommen können subtile Warnsignale wie eine beschleunigte Atmung, verändertes Bewusstsein oder abfallender Blutdruck übersehen werden. Bleiben diese Alarmsignale unbemerkt, verschlechtert sich der Zustand oft rapide bis hin zum Kreislaufkollaps.
Forderung nach verbindlichen Frühwarnsystemen
Um die Überlebenschancen zu steigern, sprechen sich die Fachgesellschaften für den bundesweiten und verbindlichen Einsatz standardisierter Frühwarnsysteme aus. Ein erprobtes Instrument ist der sogenannte National Early Warning Score (NEWS2). Anhand einfacher Vitalparameter – darunter Atemfrequenz, Sauerstoffgehalt, Puls, Temperatur und Wachheit – errechnet das System einen Punktwert, der das Risiko des Patienten objektiv bewertet.
- Frühzeitige Erkennung: Schleichende Zustandsverschlechterungen werden anhand von Grenzwerten sofort sichtbar.
- Niedrige Schwelle für Notruf: Pflegende erhalten einen klaren, objektiven Leitfaden, ab wann ein Notfallteam hinzugezogen werden muss.
- Bessere Zusammenarbeit: Standardisierte Übergaben zwischen Pflegeteam und Intensivmedizinern verringern Informationsverluste.
Schlüsselrolle für das Pflegepersonal
Für Pflegekräfte bedeutet die Diskussion um Frühwarnsysteme eine Chance zur Entlastung und mehr Handlungssicherheit. Wenn Pflegefachpersonen die Befugnis und die Werkzeuge haben, bei ersten Warnzeichen sofort spezialisierte innerklinische Notfallteams zu alarmieren, lassen sich viele Reanimationen ganz vermeiden. Die aktuellen Daten des Reanimationsregisters zeigen eindrücklich: Frühes Handeln auf Normalstationen rettet mehr Leben als die intensivste Wiederbelebung im Nachhinein.
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