Neue S3-Leitlinie fordert radikalen Umbau des Tuberkulose-Screenings bei Zugewanderten

Benedikt Hübenthal
Tuberkulose bei Zugewanderten: Neue Leitlinie fordert gezieltes Screening

Die derzeitige Strategie zur Tuberkulosekontrolle in Deutschland steht auf dem Prüfstand. Eine neue S3-Leitlinie, die am heutigen Dienstag veröffentlicht wurde, fordert eine grundlegende Neustrukturierung der Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen. Ziel ist es, das Screening gezielter, effizienter und fairer zu gestalten.

Aktuelles Vorgehen: Ineffizient und lückenhaft

Bislang sieht das Gesetz vor, dass jeder Zuwanderer, der in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht ist, auf Tuberkulose (TB) untersucht werden muss. Experten kritisieren dieses Vorgehen nun scharf. Laut Dr. Brit Häcker, Pneumologin und ärztliche Mitarbeiterin des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK), ist die derzeitige nationale Strategie unzureichend.

Das Hauptproblem: Es wird pauschal nach Unterbringungsart getestet, ohne individuelle Begleitumstände zu berücksichtigen. Das führt einerseits zu vielen unnötigen Untersuchungen in den Unterkünften und lässt andererseits Menschen durchs Raster fallen, die zwar ein hohes Risiko tragen, aber privat oder anderweitig wohnen.

Risikofaktoren statt Gießkannenprinzip

Die von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) beauftragte und vom DZK sowie dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) geleitete Leitliniengruppe schlägt daher einen Paradigmenwechsel vor. Zukünftig soll das Screening nicht mehr vom Wohnort, sondern von echten Risikofaktoren abhängen.

  • Herkunftsland: Personen aus Ländern mit einer Tuberkulose-Inzidenz von mehr als 100 Fällen pro 100.000 Einwohnern sollen gezielt ein Untersuchungsangebot erhalten.
  • Alter: Alle Zuwandernden bis zum 35. Lebensjahr sollten auf eine latente Tuberkulose-Infektion getestet werden. Bei einem positiven Befund wird eine präventive medikamentöse Therapie empfohlen.
  • Individuelle Belastungen: Faktoren wie Vorerkrankungen, Mangelernährung oder besonders erschwerte Fluchtumstände müssen in die ärztliche Bewertung einfließen.

Ressourcen besser nutzen

Durch die gezieltere Ansprache von Risikogruppen erhoffen sich die Mediziner einen effizienteren Einsatz der vorhandenen Mittel im Gesundheitssystem. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) gab es im vergangenen Jahr über 4.000 gemeldete Tuberkulose-Erkrankungen in Deutschland – rund drei Viertel davon betrafen Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden. Gleichzeitig warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass in Europa schätzungsweise jede fünfte TB-Erkrankung unerkannt bleibt.

Eine Chance für ein "Tuberkulose-freies" Deutschland

Die neue S3-Leitlinie richtet sich nicht nur an die Ärzteschaft, sondern ist auch ein klarer Appell an die Politik. Prof. Dr. Berit Lange, Leiterin der Epidemiologie am HZI, betont, dass Deutschland mit dieser evidenzbasierten Strategie eine in Europa einmalige Grundlage geschaffen habe. Wenn die Empfehlungen konsequent umgesetzt werden, biete sich mittelfristig sogar die Chance, dass Deutschland als eines der ersten Länder weltweit das internationale Ziel der "EndTB-Strategie" erreicht und faktisch Tuberkulose-frei wird.

Die Experten haben die wissenschaftliche Grundlage geliefert – nun müssen die politischen Rahmenbedingungen für ein modernes und zielgerichtetes Screening geschaffen werden, um Infektionsketten effektiv zu durchbrechen.

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