Notfallreform: Hausärzte warnen vor gravierender Personalnot

Benedikt Hübenthal
Notfallreform: Hausärzte schlagen Alarm wegen Personalmangel

Die Reform der medizinischen Notfallversorgung sorgt in den Praxen für erhebliche Unruhe. Nachdem der Bundestag weitreichende Änderungen für Akutfälle beschlossen hat, schlägt die niedergelassene Ärzteschaft vehement Alarm. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz warnen Mediziner vor unrealistischen Vorgaben: Die geplanten Angebote rund um die Uhr seien angesichts des bestehenden Fachkräftemangels schlichtweg kaum umsetzbar.

Rund-um-die-Uhr-Betreuung geplant: Wer übernimmt die Dienste?

Das Reformpaket der Bundesregierung zielt vor allem darauf ab, die chronisch überlasteten Notaufnahmen der Krankenhäuser spürbar zu entlasten. Künftig sollen Bürgerinnen und Bürger im Akutfall flächendeckend 24 Stunden am Tag telemedizinisch oder per Videosprechstunde beraten werden. Ergänzend dazu sind Integrierte Notfallzentren (INZ) an Kliniken sowie mobile, aufsuchende Notdienste vorgesehen, um Hilfesuchende nach einer standardisierten Ersteinschätzung rasch in die passende Versorgungsstufe zu leiten.

Aus Sicht der Praxisärzte krankt das Vorhaben jedoch an einem elementaren Punkt: dem Personal. Vertreter des Hausärzteverbandes Sachsen-Anhalt betonen in ihrem Schreiben an die Bundesregierung, dass neue bürokratische und organisatorische Strukturen keine zusätzlichen Mediziner hervorbringen. Stattdessen drohe die bereits extrem knappe Arbeitszeit bestehender Fachkräfte lediglich zersplittert und umverteilt zu werden.

Folgen für Praxen, Pflege und Patientenversorgung

Die Befürchtungen der Mediziner wiegen schwer. Wenn niedergelassene Ärzte vermehrt für 24/7-Notfallhotlines, Bereitschaftsdienste und Notfallzentren herangezogen werden, fehlt diese Kapazität unmittelbar in der regulären Regelversorgung vor Ort. Die Folgen könnten gravierend sein:

  • Wartezeiten in Praxen steigen: Termine für Routineuntersuchungen und akute Erkrankungen in den Hausarztpraxen könnten noch knapper werden.
  • Gefahr für chronisch Kranke und Pflegebedürftige: Vor allem ältere, immobile Menschen und Pflegeheimbewohner sind auf verlässliche, kontinuierliche Betreuung durch feste Hausärzte angewiesen. Brechen diese Kapazitäten weg, droht eine Verschärfung der Versorgungslücken.
  • Zunehmender Frust beim Fachpersonal: Medizinische Fachangestellte und Praxisinhaber arbeiten vielerorts bereits an der Belastungsgrenze. Zusätzliche Dienstverpflichtungen vergrößern das Risiko von Überlastung und Praxisaufgaben.

Kritik an teuren Parallelstrukturen

Ärzteverbände und Kassenärztliche Vereinigungen mahnen an, dass durch die Reform kostspielige Parallelstrukturen geschaffen werden, während der ambulante Sektor gleichzeitig unter erheblichem Spardruck leide. Statt funktionierende Systeme mit zusätzlichen Pflichten und Meldewegen zu belasten, fordern Mediziner praxistaugliche Konzepte. Eine echte Entlastung des Systems gelinge nur dann, wenn bestehende Praxen gestärkt, der bürokratische Aufwand reduziert und die Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten gezielt gefördert werden.

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