Patientenwille am Lebensende: Warum die Patientenverfügung allein oft nicht ausreicht

Djamal Sadaghiani
Studie zum Patientenwillen: Angehörige oft unsicher trotz Verfügung

Es ist eine der schwersten Entscheidungen, die Angehörige jemals treffen müssen: Wenn ein geliebter Mensch auf der Intensivstation liegt und sich selbst nicht mehr äußern kann, liegt die Last der Entscheidung über lebensverlängernde Maßnahmen plötzlich bei der Familie. Viele vertrauen in dieser Situation auf eine schriftliche Patientenverfügung. Doch eine aktuelle Untersuchung zeigt nun, dass dieses Dokument allein oft nicht die erhoffte Sicherheit bringt.

Überraschende Ergebnisse aus der Forschung

Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf haben in einer groß angelegten Studie untersucht, wie gut Angehörige den tatsächlichen Willen von Patienten einschätzen können. Dafür wurden über hundert Paare aus Patienten und deren engsten Vertrauten getrennt voneinander zu ihren Wünschen bezüglich intensivmedizinischer Behandlungen und der gewünschten Lebensqualität befragt.

Die Ergebnisse machen einerseits Mut, decken aber auch eine gefährliche Schwachstelle auf. Im Durchschnitt stimmte der vermutete Patientenwille zu rund 82 Prozent mit den tatsächlichen Wünschen überein. Bei der Frage nach der minimalen Lebensqualität lag die Trefferquote sogar bei über 86 Prozent. Im internationalen Vergleich, wo die Übereinstimmung oft nur bei knapp 68 Prozent liegt, ist dies ein hervorragender Wert.

Jede fünfte Entscheidung verfehlt den Patientenwillen

Trotz der hohen Trefferquote bedeutet dies im Umkehrschluss: In fast jedem fünften Fall würden Angehörige entgegen dem eigentlichen Willen des Patienten entscheiden. Diese Diskrepanz ist klinisch und ethisch hochrelevant. Experten der LMU München weisen darauf hin, dass Angehörige in solchen extremen Stresssituationen unbewusst dazu neigen, ihre eigenen Wertvorstellungen auf den Betroffenen zu projizieren. Wenn die Wünsche des Patienten zufällig mit denen der Angehörigen übereinstimmen, ist die Trefferquote am höchsten – andernfalls drohen Fehlentscheidungen.

Warum das Dokument allein nicht ausreicht

Besonders bemerkenswert an den Studienergebnissen ist eine Tatsache, die viele überraschen dürfte: Das Vorliegen einer schriftlichen Patientenverfügung verbesserte die Übereinstimmung zwischen dem tatsächlichen und dem vermuteten Willen nicht. Obwohl etwa die Hälfte der Befragten ein solches Dokument besaß, fühlten sich nur rund 37 Prozent der Angehörigen wirklich sicher in ihrer Entscheidungsfähigkeit. Mehr als jeder Zehnte äußerte sogar regelrechte Angst vor dieser verantwortungsvollen Aufgabe.

Medizinethiker betonen, dass gängige Formulare oft zu vage formuliert sind. Sie klären selten, was bei einer Intensivbehandlung mit unsicherem Ausgang konkret zu tun ist. Ein Stück Papier kann die komplexen medizinischen Realitäten am Lebensende nur selten vollständig abbilden.

Was Familien jetzt tun sollten

Um Angehörige im Ernstfall zu entlasten und sicherzustellen, dass der eigene Wille respektiert wird, empfehlen Experten einen klaren Handlungsplan. Die Patientenverfügung bleibt wichtig, muss aber zwingend durch persönliche Kommunikation ergänzt werden.

  • Frühzeitig sprechen: Warten Sie nicht auf eine akute Erkrankung. Besprechen Sie das Thema in gesunden Tagen.
  • Konkrete Szenarien durchspielen: Sprechen Sie darüber, was "lebenswerte Qualität" für Sie persönlich bedeutet. Ist es das eigenständige Essen? Die Fähigkeit zu kommunizieren?
  • Wiederholte Gespräche: Einstellungen können sich im Laufe des Lebens oder bei Fortschreiten einer Krankheit ändern. Ein einmaliges Gespräch vor zehn Jahren reicht nicht aus.
  • Den Bevollmächtigten stärken: Erklären Sie der Person, die Sie in einer Vorsorgevollmacht benennen, nicht nur was Sie wollen, sondern vor allem warum Sie es wollen. Das gibt emotionale Sicherheit.

Letztlich zeigt die Wissenschaft deutlich: Wahre Vorsorge besteht nicht nur aus Unterschriften beim Notar, sondern aus dem mutigen und offenen Dialog am Küchentisch. Nur wer die Beweggründe seiner Liebsten wirklich kennt, kann am Ende auch in ihrem Sinne handeln.

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