Primärversorgung im Wandel: Ärzteverband fordert flexibles Koordinationsmodell statt Hausarzt-Zwang
Die Reform der medizinischen Grundversorgung steht im Zentrum gesundheitspolitischer Debatten. Während über verpflichtende Primärarztsysteme diskutiert wird, schlägt der Verband der niedergelassenen Ärzte, der Virchowbund, einen alternativen Weg ein: das sogenannte Koordinationsarztmodell. Ziel ist es, Patientinnen und Patienten eine verlässliche Lotsenfunktion im Gesundheitswesen zu bieten, ohne dabei starre Hürden aufzubauen.
Freie Wahl des medizinischen Lotsen
Nach den Vorstellungen des Ärzteverbandes soll jede versicherte Person eine feste Vertrauensärztin oder einen Vertrauensarzt wählen, die oder der die Behandlung zentral koordiniert. Zwar wird diese Rolle in den meisten Fällen von der klassischen Hausarztpraxis übernommen, zwingend vorgeschrieben soll dies jedoch nicht sein.
Das Konzept sieht vor, dass je nach Lebensphase oder individuellem Schwerpunkt auch andere Fachgruppen die Lotsenfunktion übernehmen können:
- Gynäkologie: Für viele Frauen bildet die frauenärztliche Praxis über Jahre hinweg die primäre Anlaufstelle für regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und grundlegende gesundheitliche Fragestellungen.
- Pädiatrie: Bei Kindern und Jugendlichen sind Kinder- und Jugendärzte die zentralen Begleiter der gesundheitlichen Entwicklung.
- Spezifische Fachgebiete: Bei chronischen Vorerkrankungen können bei Bedarf auch spezialisierte Fachärzte die Koordination relevanter Therapiemaßnahmen steuern.
Vorteile für Pflegebedürftige und chronisch Kranke
Gerade in der Versorgung von Pflegebedürftigen, Menschen mit Mehrfacherkrankungen und Senioren ist eine enge Abstimmung zwischen verschiedenen medizinischen Disziplinen unverzichtbar. Ein fester Koordinationsarzt kann den Überblick über Medikationspläne, fachärztliche Befunde und anstehende Kontrolltermine behalten. Das verhindert Doppeluntersuchungen, minimiert Risiken durch Wechselwirkungen von Medikamenten und entlastet pflegende Angehörige sowie Pflegedienste spürbar.
Gezielte Steuerung statt pauschaler Beschränkung
Der Virchowbund spricht sich damit gegen ein starres Gatekeeper-System aus, bei dem Versicherte für jedes Anliegen zwingend zuerst eine Hausarztpraxis aufsuchen müssen. Ein bürokratischer Zwang führe oft zu unnötigen Überweisungen und zusätzlichen Wartezeiten in ohnehin ausgelasteten Allgemeinarztpraxen. Mit dem Koordinationsansatz soll stattdessen die Qualität der Betreuung im Mittelpunkt stehen, indem bestehende vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehungen gestärkt und gezielt genutzt werden.
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