HNO-Krise bei Kindern: Jeder dritte Arzt streicht wichtige Operationen
Familien in Deutschland müssen sich auf drastisch längere Wartezeiten bei Routine-Eingriffen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich einstellen. Ob vergrößerte Rachenmandeln, chronische Mittelohrentzündungen oder das Einsetzen von Paukenröhrchen: Immer mehr niedergelassene Fachärzte ziehen sich aus der ambulanten chirurgischen Versorgung von Kleinkindern zurück. Der Grund dafür liegt vor allem in der mangelnden Wirtschaftlichkeit der Eingriffe.
Umfrage offenbart alarmierenden Versorgungsausfall
Wie gravierend der Rückzug bereits ist, verdeutlichen aktuelle Erhebungen des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte (BVHNO). Nach Verbandsangaben hat bereits rund ein Drittel der niedergelassenen HNO-Mediziner ambulante Kinderoperationen vollständig eingestellt. Viele weitere Praxen prüfen derzeit, ob sie die chirurgischen Leistungen in naher Zukunft noch aufrechterhalten können.
Die Mediziner begründen diesen drastischen Schritt mit den unzureichenden Vergütungsstrukturen im Gesundheitssystem. Steigende Kosten für Personal, Narkoseüberwachung, sterile Ausrüstung sowie verschärfte Hygiene- und Qualitätsauflagen stehen Vergütungssätzen gegenüber, die den tatsächlichen Aufwand im ambulanten Sektor kaum noch decken. Für viele Praxen bedeuten Operationen bei Kindern mittlerweile ein finanzielles Defizit.
Gefährliche Verzögerungen für die kindliche Entwicklung
Die Folgen für betroffene Kinder und ihre Eltern sind schwerwiegend. Bei HNO-Problemen im Kindesalter handelt es sich nur selten um planbare Eingriffe, die gefahrlos über viele Monate aufgeschoben werden können. Bleiben chronische Belüftungsstörungen des Ohres oder verlegte Atemwege unbehandelt, drohen handfeste gesundheitliche Konsequenzen:
- Hörverlust und Sprachentwicklungsstörungen: Chronische Paukenergüsse führen zu anhaltenden Hörproblemen, was insbesondere im Spracherwerbsalter rasch zu Verzögerungen in der Gesamtentwicklung führt.
- Schlafapnoe und Atemprobleme: Stark vergrößerte Gaumen- oder Rachenmandeln (Polypen) können nächtliche Atemaussetzer und gravierende Sauerstoffunterversorgungen auslösen.
- Wiederkehrende schwere Infekte: Unbehandelte Entzündungsherde schwächen das kindliche Immunsystem dauerhaft und führen zu hohen Fehlzeiten in Kita und Grundschule.
Kliniken geraten zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen
Durch den Wegfall ambulanter Praxis-Kapazitäten verlagert sich der Patientendruck massiv auf Krankenhäuser und spezialisierte Universitätskliniken. Da Kinderkliniken bundesweit ohnehin seit Jahren über eine chronische Überlastung und Personalengpässe klagen, können diese den zusätzlichen Bedarf kaum kompensieren. Die Wartezeiten für Routineeingriffe, die früher innerhalb weniger Wochen durchgeführt wurden, belaufen sich mancherorts bereits auf mehrere Monate.
Medizinische Fachgesellschaften fordern daher rasche Anpassungen der Vergütungstabellen für das ambulante Operieren bei Minderjährigen, um niedergelassenen Fachärzten wieder eine wirtschaftlich tragfähige Basis zu bieten. Nur so lasse sich verhindern, dass die HNO-Versorgung von Kindern in Deutschland dauerhaft kollabiert.
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