Schluss mit dem Zettel-Chaos: Experten fordern rein digitales Diabetes-Programm
Rund 9,4 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Diabetes mellitus. Für sie ist eine lückenlose und strukturierte medizinische Betreuung lebenswichtig. Doch genau hier hakt es zunehmend: Das bisherige Disease-Management-Programm (DMP) für die chronische Stoffwechselerkrankung stößt massiv an seine Grenzen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) schlägt nun Alarm und fordert in einem aktuellen Impulspapier einen radikalen Kurswechsel hin zu einem eigenständigen, rein digitalen DMP (dDMP).
Wenn analoge Prozesse die Gesundheit gefährden
Das Hauptproblem der aktuellen Versorgung liegt laut der DDG im Festhalten an veralteten, analogen Strukturen. Ob kontinuierliche Blutzuckerwerte aus modernen Glukosesensoren oder Daten von Insulinpumpen – die wertvollen Informationen landen oft isoliert in den Portalen der jeweiligen Hersteller. Kommt es zu einem Krankenhausaufenthalt, fehlen diese Daten den behandelnden Klinikärzten völlig oder liegen im besten Fall als ausgedruckter Screenshot vor.
Auch nach der Entlassung aus der Klinik setzt sich das Daten-Chaos fort: Entlassungsbriefe erreichen die Hausarzt- oder Diabetologiepraxen häufig stark verzögert und in Form unstrukturierter PDF-Dokumente. Für zeitnahe und lebenswichtige Therapieentscheidungen ist das fatal. Wie Vertreter der Fachgesellschaft aus dem Praxisalltag berichten, führt dies zu enormer Frustration bei den Betroffenen. Patienten müssen ihre Krankheitsgeschichte und Therapie immer wieder von vorn erklären, da die Dokumentationssysteme schlichtweg lückenhaft sind.
Die Lösung: Ein eigenständiges digitales DMP
Um diesen gefährlichen Brüchen zwischen ambulanter und stationärer Pflege ein Ende zu setzen, reicht es nach Ansicht der Experten nicht aus, bestehende Programme lediglich mit digitalen Zusatzfunktionen auszustatten. Die DDG fordert stattdessen ein rechtlich unabhängiges, vollständig digitales Disease-Management-Programm.
Ein solches dDMP soll analoge Strukturen nicht nur ergänzen, sondern komplett ersetzen. Die Fachgesellschaft appelliert eindringlich an die Politik, dafür die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Zu den Kernforderungen gehören:
- Verbindliche bundesweite Standards: Einheitliche digitale Schnittstellen für einen reibungslosen und sicheren Datenaustausch.
- Sektorenübergreifende Strukturen: Eine lückenlose Kommunikation zwischen Hausärzten, Fachärzten und Krankenhäusern, damit alle relevanten Daten sofort verfügbar sind.
- Gesicherte Finanzierung: Klare vertragliche Rahmenbedingungen, um die digitale Infrastruktur dauerhaft zu tragen und auszubauen.
Individuelle Therapie statt Gießkannenprinzip
Ein weiterer Kritikpunkt am bisherigen System ist das starre Einbestellen von Patienten im Drei-Monats-Takt, unabhängig vom tatsächlichen medizinischen Bedarf. Ein modernes dDMP könnte hier Abhilfe schaffen, indem es den Fokus deutlich stärker auf individuelle Faktoren wie die persönliche Lebensqualität oder das Risiko von Unterzuckerungen legt, anstatt sich rein auf isolierte Laborwerte zu konzentrieren.
Angesichts des fortschreitenden Fachkräftemangels im Gesundheitswesen und des demografischen Wandels sieht die Deutsche Diabetes Gesellschaft in der konsequenten Digitalisierung nicht nur eine Komfortfrage. Vielmehr sei sie eine zwingende Voraussetzung, um die Diabetesversorgung in Deutschland auch in Zukunft auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten.
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