Stille Gefahr: Warum Lebererkrankungen in Europa drastisch zunehmen

Benedikt Hübenthal
Lebererkrankungen in Europa: Experten warnen vor vermeidbarer Krise

Jeden Tag sterben in Europa fast 780 Menschen an den Folgen von Lebererkrankungen – eine erschreckende Zahl, die laut Experten größtenteils vermeidbar wäre. Ein aktueller Bericht der renommierten Fachzeitschrift The Lancet und der European Association for the Study of the Liver (EASL) schlägt nun Alarm: Die Lebergesundheit entwickelt sich zu einer der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit.

Während die Medizin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder vielen Krebsarten in den letzten Jahren große Fortschritte verzeichnen konnte, zeigt die Kurve bei Lebererkrankungen steil nach oben. Die gemeinsame Expertenkommission warnt davor, dass die derzeitigen Präventionsbemühungen dem Ausmaß des Problems nicht mehr gerecht werden.

Eine "stille Epidemie" mit gravierenden Folgen

Die nackten Zahlen des Berichts sind alarmierend: Jährlich fallen rund 284.000 Menschen in Europa einer Leberzirrhose oder Leberkrebs zum Opfer. Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung beim Leberkrebs, dessen Sterblichkeitsrate seit der Jahrtausendwende um mehr als 50 Prozent gestiegen ist.

Auch die wirtschaftlichen Dimensionen sind gewaltig. Durch vorzeitige Todesfälle, verminderte Arbeitsfähigkeit und explodierende Gesundheitsausgaben kosten Lebererkrankungen die europäischen Volkswirtschaften schätzungsweise 55 Milliarden Euro pro Jahr. Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, betonte anlässlich der Veröffentlichung, dass die Lebergesundheit oft fälschlicherweise als Nischenthema abgetan werde. Tatsächlich sei sie jedoch ein zentraler Bestandteil der Krankheitslast und dürfe von der Politik nicht länger ignoriert werden.

Die Haupttreiber: Unser moderner Lebensstil

Die Ursachen für den drastischen Anstieg sind vielfältig, hängen jedoch stark mit gesellschaftlichen Entwicklungen und unserem alltäglichen Lebensstil zusammen. Die Kommission identifiziert vier primäre Risikofaktoren:

  • Alkoholkonsum: Nach wie vor eine der Hauptursachen für schwere Leberschäden.
  • Ungesunde Ernährung und Übergewicht: Stark verarbeitete Lebensmittel und Bewegungsmangel belasten das Organ zunehmend.
  • Stoffwechselerkrankungen: Die sogenannte metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatosenlebererkrankung (MASLD) nimmt rasant zu – auch bei Menschen, die wenig oder gar keinen Alkohol trinken.
  • Virusinfektionen: Hepatitis B und C bleiben weltweit und in Europa ein relevanter Faktor.

Tückisch: Die Krankheit verläuft lange symptomlos

Das größte Problem bei Lebererkrankungen ist ihre Unsichtbarkeit. Die Leber leidet still. Fetteinlagerungen, Entzündungen und beginnende Vernarbungen (Zirrhose) verursachen über Jahre hinweg oft keinerlei Schmerzen oder eindeutige Symptome. Viele Betroffene erhalten ihre Diagnose erst dann, wenn das Organ bereits irreparabel geschädigt ist oder sich Leberkrebs gebildet hat. Hinzu kommt, dass Lebererkrankungen das Risiko für andere schwere Leiden wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle massiv erhöhen.

Experten fordern ein Umdenken in der Politik

Um diese vermeidbare Krise abzuwenden, fordern die Autoren des Berichts weitreichende Maßnahmen von den europäischen Regierungen. Appelle an die Eigenverantwortung der Bürger reichten nicht mehr aus. Stattdessen brauche es strengere Regulierungen, insbesondere was die Vermarktung und Besteuerung von Alkohol und hochverarbeiteten Lebensmitteln betrifft. Auch Warnhinweise auf alkoholischen Getränken und Werbeverbote, die sich an Jugendliche richten, stehen auf der Forderungsliste der Mediziner.

Für das Gesundheitssystem und die Pflege bedeutet diese Entwicklung eine enorme zukünftige Belastung. Umso wichtiger ist es, die Prävention und Früherkennung drastisch auszubauen, damit die stille Epidemie der Lebererkrankungen gestoppt werden kann, bevor sie weitere zehntausende Leben fordert.

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