Streit um Standortklausel: Krankenkassen warnen vor Milliardenlasten

Benedikt Hübenthal
Standortklausel für Pharma: Krankenkassen warnen vor Mehrkosten

In der Debatte über die finanzielle Stabilität des Gesundheitssystems droht neuer Streit: Ein gemeinsames Fachgremium des Bundesgesundheitsministeriums und des Bundeswirtschaftsministeriums hat seine Beratungen über eine sogenannte Standortklausel für Pharmaunternehmen aufgenommen. Ziel des Gremiums aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Selbstverwaltung ist es, bis Ende September einen gesetzlichen Regelungsentwurf vorzulegen. Doch vonseiten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) regt sich deutlicher Widerstand.

Ausnahmen vom Herstellerrabatt sorgen für Zündstoff

Hintergrund der Verhandlungen ist der im Rahmen des jüngsten GKV-Sparpakets verankerte zusätzliche Herstellerabschlag von 8,5 Prozent auf patentgeschützte Medikamente. Dieser sollte die dynamisch wachsenden Arzneimittelausgaben der Krankenkassen dämpfen. Mit der nun diskutierten Standortklausel könnten pharmazeutische Unternehmen jedoch ganz oder teilweise von diesem Abschlag befreit werden, wenn sie relevante Wertschöpfung, Forschung oder Produktion in Deutschland nachweisen.

Die Krankenkassen sehen in einer solchen Regelung eine Aufweichung der mühsam beschlossenen Sparvorgaben. Der AOK-Bundesverband kritisierte die Pläne scharf und bezeichnete die Standortklausel als falschen Weg. Zwar sei das Ziel, die heimische Wirtschaft zu stärken und Lieferketten für wichtige Arzneimittel krisenfester zu machen, prinzipiell verständlich. Dennoch dürfe Industriepolitik nicht über die Beiträge der Versicherten und Arbeitgeber querfinanziert werden.

Krankenkassen fordern klare Trennung von Aufgaben

Die Kassen argumentieren, dass Wirtschafts- und Standortförderung originäre Aufgaben des Staates und des Bundeshaushalts seien und nicht aus Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt werden dürften. Nach Ansicht von Kassenvertretern droht die Klausel den beabsichtigten Entlastungseffekt des Spargesetzes zu untergraben. Zudem sei fraglich, ob Rabattnachlässe tatsächlich dazu führen, dass globale Konzerne Produktionsstätten in Deutschland aufbauen oder halten, da hierfür vor allem steuerliche Rahmenbedingungen, Fachkräfteverfügbarkeit und Bürokratieabbau entscheidend seien.

Bedeutung für die Versorgung und das Pflegesystem

Für den Pflege- und Gesundheitsbereich ist der Konflikt von hoher Relevanz. Einerseits leiden Pflegeheime, Krankenhäuser und pflegende Angehörige seit Jahren unter wiederkehrenden Lieferengpässen bei wichtigen Medikamenten, weshalb eine Stärkung der europäischen Produktion dringend gefordert wird. Andererseits stehen die Pflegekassen und Krankenkassen unter erheblichem finanziellem Druck. Steigen die Arzneimittelausgaben weiter ungebremst, drohen erneute Beitragssatzanhebungen, die sowohl Arbeitnehmer als auch Pflegebedürftige und Arbeitgeber zusätzlich belasten würden.

Die Verhandlungen im Fachgremium dürften in den kommenden Wochen intensiv geführt werden. Bis zum Monatsende wird sich zeigen, ob die Koalition einen Kompromiss zwischen pharmazeutischer Standortförderung und der Beitragsstabilität für Millionen Versicherte findet.

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