Ein Familienmitglied zu Hause zu pflegen, ist eine Aufgabe, die höchsten Respekt verdient. Wenn zu den alltäglichen Herausforderungen der Pflege noch eine chronische Wunde hinzukommt, fühlen sich viele Angehörige zunächst überfordert. Die Sorge, etwas falsch zu machen, Infektionen auszulösen oder dem geliebten Menschen Schmerzen zuzufügen, ist groß. Doch Sie sind mit dieser Situation nicht allein. In Deutschland leiden schätzungsweise drei bis vier Millionen Menschen an chronischen Wunden, ein Großteil davon wird im häuslichen Umfeld versorgt.
Die moderne Wundversorgung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Vorbei sind die Zeiten, in denen man Wunden einfach "an der Luft trocknen" ließ oder auf Hausmittel vertraute. Heute steht ein hochprofessionelles Netzwerk aus spezialisierten Ärzten, Wundmanagern und Pflegediensten zur Verfügung, das eine optimale Versorgung in den eigenen vier Wänden gewährleistet. Dieser umfassende Ratgeber erklärt Ihnen detailliert, worauf es bei der Wundversorgung in der häuslichen Pflege wirklich ankommt, welche modernen Behandlungsmethoden es gibt, wie Sie die professionelle Hilfe organisieren und welche Kosten von den Krankenkassen übernommen werden.
In der Medizin wird zwischen akuten und chronischen Wunden unterschieden. Eine akute Wunde, wie etwa ein Schnitt in den Finger oder eine chirurgische Operationswunde, durchläuft in der Regel einen reibungslosen Heilungsprozess und schließt sich innerhalb weniger Tage bis Wochen. Von einer chronischen Wunde spricht man hingegen, wenn eine Wunde trotz fachgerechter Therapie nach vier bis acht Wochen keine wesentlichen Heilungstendenzen zeigt.
Chronische Wunden sind fast immer das Symptom einer zugrunde liegenden Grunderkrankung. Die Wunde selbst ist also nur die "Spitze des Eisbergs". Zu den drei häufigsten Arten chronischer Wunden in der häuslichen Pflege gehören:
Das offene Bein (Ulcus cruris): Hierbei handelt es sich um tiefe, schlecht heilende Wunden, die meist am Unterschenkel oder im Knöchelbereich auftreten. In rund 80 Prozent der Fälle ist eine chronische Venenschwäche (Ulcus cruris venosum) die Ursache. Das Blut staut sich in den Beinen, der Druck in den Gefäßen steigt, und das Gewebe wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Seltener, aber oft schmerzhafter, ist das Ulcus cruris arteriosum, das durch eine arterielle Durchblutungsstörung (Schaufensterkrankheit) verursacht wird.
Das Druckgeschwür (Dekubitus): Ein Dekubitus entsteht, wenn über einen längeren Zeitraum Druck auf eine bestimmte Hautstelle ausgeübt wird. Dies betrifft vor allem bettlägerige oder auf den Rollstuhl angewiesene Senioren. Der ständige Druck klemmt die feinen Blutgefäße ab, das Gewebe stirbt ab und eine tiefe Wunde entsteht. Besonders gefährdet sind knöcherne Körperstellen wie das Steißbein, die Fersen, die Ellenbogen oder die Hüftknochen.
Das Diabetische Fußsyndrom (DFS): Bei langjährigen Diabetikern können hohe Blutzuckerwerte die Nerven (Polyneuropathie) und die Blutgefäße schädigen. Die Betroffenen spüren oft keine Schmerzen mehr in den Füßen. Ein kleiner Stein im Schuh oder eine Druckstelle durch zu enge Schuhe bleibt unbemerkt und entwickelt sich schnell zu einer tiefen, infizierten Wunde. Das diabetische Fußsyndrom ist eine der häufigsten Ursachen für Amputationen im Alter.
Um die Wundheilung zu fördern, ist es essenziell zu verstehen, warum sie überhaupt ins Stocken geraten ist. Die Wundheilung ist ein hochkomplexer biologischer Prozess, der enorm viel Energie und eine perfekte Abstimmung des Körpers erfordert. Im Alter verlangsamt sich der Stoffwechsel natürlicherweise, was die Zellteilung und Geweberegeneration verzögert. Kommen dann noch chronische Krankheiten hinzu, wird die Heilung massiv erschwert.
Ein Hauptfaktor ist die mangelnde Durchblutung. Ob durch verkalkte Arterien, defekte Venenklappen oder kapillare Schäden bei Diabetes – wenn das Gewebe nicht mit ausreichend Sauerstoff (Hypoxie) und Nährstoffen versorgt wird, können keine neuen Zellen aufgebaut werden. Gleichzeitig werden Abfallprodukte des Stoffwechsels nicht mehr richtig abtransportiert, was das Gewebe zusätzlich vergiftet.
Ein weiteres großes Problem ist ein geschwächtes Immunsystem. Ältere Menschen sind anfälliger für Infektionen. Wenn Bakterien in die Wunde eindringen und sich dort vermehren, konzentriert sich der Körper auf die Bekämpfung der Infektion, anstatt neues Gewebe aufzubauen. Oft bildet sich auf der Wunde ein sogenannter Biofilm – eine schleimige Schutzschicht, in der Bakterien leben und die Wunde vor dem Abheilen bewahren. Dieser Biofilm muss bei jedem Verbandswechsel professionell entfernt werden.
Auch Faktoren wie Mangelernährung (insbesondere Eiweißmangel), zu geringe Flüssigkeitsaufnahme, Rauchen oder die Einnahme bestimmter Medikamente (wie Kortison oder Immunsuppressiva) können den Heilungsprozess erheblich stören.
Ein professioneller Wundmanager beurteilt eine Wunde stets danach, in welcher Heilungsphase sie sich befindet. Nur so kann das richtige Verbandsmaterial ausgewählt werden. Der Heilungsprozess verläuft in drei überlappenden Phasen:
Die Reinigungsphase (Exsudationsphase): Unmittelbar nach der Entstehung der Wunde versucht der Körper, Blutungen zu stoppen und die Wunde von Schmutz, Bakterien und abgestorbenem Gewebe zu reinigen. Die Wunde sondert viel Wundwasser (Exsudat) ab. In dieser Phase ist die Wunde oft gerötet, geschwollen und schmerzt. Chronische Wunden stecken oft monatelang in dieser Phase fest.
Die Aufbauphase (Granulationsphase): Wenn die Wunde sauber ist, beginnt der Körper, den Defekt mit neuem Gewebe aufzufüllen. Dieses Gewebe ist tiefrot, körnig und sehr gut durchblutet – das sogenannte Granulationsgewebe. Es ist extrem empfindlich und muss vor Austrocknung und mechanischer Reizung geschützt werden.
Die Verschlussphase (Epithelisierungsphase): In der letzten Phase wandern Hautzellen (Epithelzellen) vom Wundrand her über das neue Gewebe und verschließen die Wunde endgültig. Es bildet sich eine Narbe. Das frische Narbengewebe ist anfangs noch sehr dünn und reißt leicht ein, weshalb es weiterhin geschont und gepflegt werden muss.
Sterile Materialien sind die Basis der Wundversorgung
Die richtige Vorbereitung erleichtert den Verbandswechsel
Einer der größten Irrtümer in der Wundversorgung ist der Satz: "Lass da mal Luft dran, dann heilt das besser." Bei kleinen Schürfwunden mag die Bildung von Schorf unproblematisch sein, bei chronischen und tiefen Wunden ist die trockene Wundversorgung jedoch absolut kontraproduktiv und gilt heute als medizinisch veraltet.
Die moderne Medizin setzt auf die feuchte Wundversorgung (hydroaktive Wundversorgung). Wissenschaftliche Studien haben eindeutig bewiesen, dass Zellen in einem feuchtwarmen Milieu viel besser wachsen und wandern können. Trocknet eine Wunde aus, sterben die neu gebildeten Zellen sofort wieder ab. Zudem bildet sich bei trockener Heilung ein harter Schorf. Dieser Schorf blockiert nicht nur das Einwachsen neuer Hautzellen vom Wundrand aus, sondern reißt auch bei Bewegungen leicht ein, was Schmerzen verursacht und Bakterien eine Eintrittspforte bietet.
Bei der feuchten Wundversorgung kommen hochmoderne Hightech-Materialien zum Einsatz, die ein ideales Heilungsklima (feucht, aber nicht nass) aufrechterhalten. Zu den wichtigsten Materialien gehören:
Alginate: Diese aus Braunalgen gewonnenen Fasern können extrem viel Wundwasser aufsaugen. Sie verwandeln sich bei Kontakt mit dem Wundsekret in ein Gel, das Bakterien und Zelltrümmer einschließt. Sie eignen sich hervorragend für stark nässende Wunden.
Schaumverbände (Polyurethanschaum): Sie wirken wie ein Schwamm, nehmen überschüssige Flüssigkeit auf, halten die Wunde aber gleichzeitig feucht. Sie polstern die Wunde zusätzlich ab, was besonders bei Druckgeschwüren (Dekubitus) wichtig ist.
Hydrokolloide und Hydrogele: Diese Verbände spenden trockenen Wunden aktiv Feuchtigkeit, weichen harte Beläge (Nekrosen) auf und fördern die körpereigene Wundreinigung (autolytisches Debridement).
Silberhaltige Verbände: Bei infizierten Wunden oder hohem Infektionsrisiko werden Verbände eingesetzt, die kontinuierlich Silberionen abgeben. Silber wirkt stark antimikrobiell und tötet Bakterien ab, ohne die Wundheilung zu stören.
Ein weiterer entscheidender Vorteil der feuchten Wundversorgung: Da die Verbände nicht mit der Wunde verkleben, ist der Verbandswechsel für den Patienten nahezu schmerzfrei und das neu gebildete, empfindliche Gewebe wird beim Abziehen des Pflasters nicht wieder aufgerissen.
Die Behandlung chronischer Wunden ist hochkomplex und gehört in die Hände von Spezialisten. Ein normaler ambulanter Pflegedienst leistet zwar hervorragende Arbeit in der Grundpflege, für die Beurteilung und Therapieplanung chronischer Wunden bedarf es jedoch einer speziellen Zusatzqualifikation.
Hier kommen zertifizierte Wundexperten oder Wundmanager (häufig nach den Richtlinien der Initiative Chronische Wunden e.V. - ICW) zertifiziert) ins Spiel. Diese Pflegefachkräfte haben eine intensive Zusatzausbildung absolviert und sind Experten für moderne Wundauflagen, Wundbeurteilung und Schmerzmanagement.
Die Aufgaben eines Wundmanagers im häuslichen Umfeld umfassen:
Wundanamnese und Dokumentation: Die Wunde wird bei jedem Besuch exakt vermessen (Länge, Breite, Tiefe) und fotografiert. So lässt sich der Heilungsverlauf objektiv überwachen.
Wundreinigung (Debridement): Abgestorbenes Gewebe, Beläge und Biofilme werden schonend, aber gründlich entfernt.
Auswahl der Wundauflagen: Der Wundmanager entscheidet, welches Material in der aktuellen Heilungsphase optimal ist, und passt die Therapie dynamisch an.
Kausaltherapie anstoßen: Ein Wundmanager weiß, dass die Wunde nicht heilt, wenn die Ursache nicht behoben wird. Er veranlasst beispielsweise die Anpassung von Kompressionsstrümpfen beim offenen Bein, organisiert spezielle Druckentlastungsmatratzen beim Dekubitus oder verweist an Diabetologen.
Kommunikation mit dem Arzt: Wundmanager arbeiten als Bindeglied zwischen Patient, Haus- oder Facharzt und dem Pflegedienst. Sie unterbreiten dem Arzt Therapievorschläge, da sie die Wunde oft engmaschiger sehen als der behandelnde Mediziner.
Spezialisten bieten Sicherheit in der Wundversorgung
Wenn Sie bei Ihrem Angehörigen eine Wunde entdecken, die nicht heilt, ist schnelles Handeln gefragt. Je länger eine chronische Wunde besteht, desto schwieriger wird die Behandlung. Gehen Sie wie folgt vor:
1. Der Gang zum Arzt: Der erste Ansprechpartner ist immer der Hausarzt oder ein spezialisierter Facharzt (z.B. ein Phlebologe für Venenleiden oder ein Diabetologe). Der Arzt stellt die Diagnose, sucht nach der Ursache der Wunde und legt die medizinische Therapie fest.
2. Die Verordnung häuslicher Krankenpflege (HKP): Damit ein Pflegedienst oder Wundmanager zu Ihnen nach Hause kommt, muss der Arzt eine sogenannte Verordnung häuslicher Krankenpflege (Muster 12) ausstellen. Auf diesem Formular kreuzt der Arzt die Maßnahme "Wundversorgung" an und gibt genau an, wie oft der Verbandswechsel erfolgen muss (z.B. täglich, dreimal wöchentlich) und welche Materialien verwendet werden sollen.
3. Einen spezialisierten Pflegedienst finden: Suchen Sie nach einem ambulanten Pflegedienst in Ihrer Nähe, der über zertifizierte Wundexperten verfügt. Oft haben Arztpraxen oder Krankenhäuser (bei einer Entlassung) bereits Netzwerke und können Empfehlungen aussprechen. Sie können die Verordnung direkt an den gewählten Pflegedienst übergeben.
4. Genehmigung durch die Krankenkasse: Der Pflegedienst reicht die ärztliche Verordnung bei der gesetzlichen Krankenkasse Ihres Angehörigen ein. Die Krankenkasse prüft den Antrag und genehmigt die Kostenübernahme in der Regel zügig, da Wundversorgung eine medizinisch notwendige Leistung ist.
Weitere offizielle Informationen zu den Richtlinien der häuslichen Krankenpflege finden Sie auf den Seiten des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dem höchsten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen.
Ein Thema, das viele Angehörige stark beschäftigt, ist die Finanzierung. Moderne Wundauflagen sind teuer, und tägliche Hausbesuche durch Fachkräfte summieren sich schnell auf erhebliche Beträge. Hier ist es wichtig, die deutschen Sozialgesetzbücher zu verstehen.
Die medizinische Wundversorgung fällt unter die sogenannte Behandlungspflege. Diese ist im § 37 SGB V (Fünftes Sozialgesetzbuch) geregelt. Das bedeutet: Die Kosten für den Pflegedienst und das Wundmaterial werden von der gesetzlichen Krankenversicherung (Krankenkasse) getragen, nicht von der Pflegeversicherung (Pflegekasse).
Wichtig: Ein Pflegegrad ist für die Wundversorgung nicht erforderlich! Auch Senioren ohne anerkannten Pflegegrad haben bei medizinischer Notwendigkeit vollen Anspruch auf die Wundversorgung durch einen Pflegedienst.
Ganz kostenfrei ist die Versorgung jedoch nicht immer. Gesetzlich Versicherte ab dem 18. Lebensjahr müssen eine gesetzliche Zuzahlung leisten. Diese Zuzahlung setzt sich wie folgt zusammen:
10 Euro Verordnungsblattgebühr pro ärztlicher Verordnung.
10 Prozent der Kosten für den Pflegedienst, jedoch begrenzt auf maximal 28 Tage pro Kalenderjahr.
Wenn die Wundbehandlung länger als 28 Tage im Jahr dauert (was bei chronischen Wunden fast immer der Fall ist), entfällt ab dem 29. Tag der 10-prozentige Eigenanteil.
Zusätzlich müssen Zuzahlungen für das Verbandsmaterial (aus der Apotheke oder dem Sanitätshaus) geleistet werden. Auch hier gelten in der Regel 10 Prozent der Kosten, mindestens 5 Euro maxmial 10 Euro pro Packung.
Die Belastungsgrenze (Zuzahlungsbefreiung): Um Patienten nicht finanziell zu überfordern, gibt es eine gesetzliche Belastungsgrenze. Diese liegt bei 2 Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen zum Lebensunterhalt. Für chronisch Kranke (was auf Wundpatienten oft zutrifft) sinkt diese Grenze auf 1 Prozent. Sobald Sie im laufenden Kalenderjahr Zuzahlungen (für Wundversorgung, Medikamente, Krankenhausaufenthalte etc.) in Höhe dieser Grenze geleistet haben, können Sie bei der Krankenkasse einen Antrag auf Zuzahlungsbefreiung stellen. Sammeln Sie daher von Jahresbeginn an alle Quittungen sorgfältig!
Eine gute Organisation hilft bei der Kostenübernahme
Auch wenn der Pflegedienst den eigentlichen Verbandswechsel durchführt, tragen Sie als Angehörige eine große Verantwortung für die Hygiene im häuslichen Umfeld. Chronische Wunden sind extrem anfällig für Infektionen durch Umweltkeime. Eine sterile Umgebung wie im OP-Saal ist zu Hause natürlich nicht möglich, aber ein hohes Maß an Sauberkeit ist unerlässlich.
Darauf sollten Sie im Alltag achten:
Händehygiene: Waschen Sie sich stets gründlich die Hände und nutzen Sie ein medizinisches Händedesinfektionsmittel, bevor Sie dem Patienten helfen oder in die Nähe der Wunde kommen. Berühren Sie die Wunde oder das Verbandsmaterial niemals mit bloßen Händen.
Haustiere: Hunde, Katzen und Vögel sind wunderbare Begleiter für Senioren und fördern die psychische Gesundheit. Aber: Während des Verbandswechsels haben Haustiere im Raum absolut nichts zu suchen. Tierhaare und Speichel sind massive Infektionsquellen. Achten Sie darauf, dass Haustiere niemals an den Verbänden schnüffeln oder lecken.
Raumklima: Lüften Sie den Raum vor dem Verbandswechsel gut durch, schließen Sie aber die Fenster, sobald der Verband geöffnet wird, um Zugluft und das Aufwirbeln von Staub zu vermeiden.
Entsorgung: Gebrauchtes Verbandsmaterial ist potenziell infektiös. Es sollte sofort in einem reißfesten, gut verschlossenen Müllbeutel entsorgt werden und gehört in den normalen Hausmüll (Restmüll), nicht in den Papiermüll oder die Toilette.
Körperpflege: Duschen oder Baden ist mit chronischen Wunden oft problematisch. Normale Seife oder Duschgel darf niemals in die Wunde gelangen. Das Leitungswasser in Deutschland hat zwar Trinkwasserqualität, ist aber nicht steril und kann Keime (wie Pseudomonas) enthalten. Klären Sie mit dem Wundmanager, ob wasserfeste Duschpflaster verwendet werden können oder ob die Körperpflege am Waschbecken erfolgen muss.
Eine Wunde heilt nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen. Der Körper muss das neue Gewebe selbst aufbauen. Dafür benötigt er Baustoffe. Ohne die richtige Ernährung ist selbst der teuerste High-Tech-Verband wirkungslos.
Die Rolle der Ernährung: Der wichtigste Baustein für neues Gewebe ist Eiweiß (Protein). Ältere Menschen essen oft zu wenig eiweißreiche Kost. Achten Sie auf eine ausreichende Zufuhr von magerem Fleisch, Fisch, Eiern, Milchprodukten oder pflanzlichen Proteinen wie Hülsenfrüchten. In Absprache mit dem Arzt können auch spezielle eiweißreiche Trinknahrungen (Zusatznahrung) sinnvoll sein. Zudem benötigt der Körper Vitamine und Spurenelemente, insbesondere Vitamin C (für die Kollagenbildung) und Zink (für die Zellteilung). Ebenso wichtig ist eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Senioren haben oft ein vermindertes Durstgefühl. Achten Sie darauf, dass der Patient täglich mindestens 1,5 bis 2 Liter Wasser oder ungesüßten Tee trinkt. Ein gut durchblutetes Gewebe erfordert ausreichend Flüssigkeit im Körper.
Mobilität und Druckentlastung: Bewegung fördert die Durchblutung und ist damit essenziell für die Wundheilung. Gleichzeitig muss die Wunde selbst geschont werden. Dieser Spagat lässt sich oft nur durch den gezielten Einsatz von Hilfsmitteln lösen. Bei einem Dekubitus ist die absolute Druckentlastung (Freilagerung) das A und O. Der Patient muss regelmäßig umgelagert werden. Hierbei helfen spezielle Antidekubitus-Matratzen (Wechseldruck- oder Weichlagerungssysteme) und spezielle Sitzkissen für den Rollstuhl. Bei Wunden an den Füßen oder Beinen fällt das Gehen schwer. Um die Wunde nicht zu belasten, aber dennoch am sozialen Leben teilzunehmen und frische Luft zu schnappen, können Mobilitätshilfen wie ein Elektromobil oder ein Elektrorollstuhl eine enorme Erleichterung sein. Wenn das Treppensteigen zur unüberwindbaren Hürde wird und den Patienten in der Wohnung isoliert, sollte über den Einbau eines Treppenlifts nachgedacht werden. Solche Hilfsmittel erhalten die Lebensqualität und verhindern, dass der Patient aus Angst vor Schmerzen dauerhaft im Bett bleibt – was wiederum das Risiko für neue Druckgeschwüre drastisch erhöhen würde.
Eine eiweißreiche Ernährung fördert die Gewebebildung
Chronische Wunden sind nicht nur ein körperliches, sondern auch ein massives psychisches Problem. Die ständigen Schmerzen zermürben die Patienten, rauben den Schlaf und führen nicht selten zu Depressionen.
Schmerztherapie ist unverzichtbar: Viele Senioren gehören einer Generation an, die gelernt hat, "die Zähne zusammenzubeißen". Doch Schmerzen bedeuten Stress für den Körper. Stresshormone verengen die Blutgefäße, was die Durchblutung drosselt und die Wundheilung weiter verzögert. Eine konsequente, ärztlich verordnete Schmerztherapie ist daher ein entscheidender Teil der Wundbehandlung. Wenn der Verbandswechsel erfahrungsgemäß schmerzhaft ist, sollte der Patient etwa 30 bis 45 Minuten vorher sein Schmerzmittel einnehmen.
Soziale Isolation und Geruchsbildung: Besonders belastend für Betroffene ist der Wundgeruch. Bestimmte Bakterien, die sich in chronischen Wunden ansiedeln, produzieren übelriechende Gase. Aus Scham ziehen sich viele Senioren zurück, empfangen keine Besuche mehr und isolieren sich völlig. Sprechen Sie dieses Thema offen, aber behutsam beim Wundmanager an. Es gibt heute spezielle Aktivkohleverbände, die Wundgerüche extrem effektiv binden und neutralisieren. Dies gibt dem Patienten seine Würde und sein Selbstbewusstsein zurück. Zeigen Sie als Angehöriger viel Geduld. Der Heilungsprozess kann Monate oder gar Jahre dauern. Feiern Sie kleine Erfolge, wie das Kleinerwerden der Wunde, und sorgen Sie für positive Ablenkung im Alltag.
Auch wenn Sie es gut meinen, können gut gemeinte Ratschläge oder alte Gewohnheiten bei chronischen Wunden verheerende Folgen haben. Vermeiden Sie unbedingt die folgenden Fehler:
Hausmittel anwenden: Quarkwickel, Honig, Kamillenbäder oder Teebaumöl haben auf einer offenen, chronischen Wunde absolut nichts verloren. Sie sind nicht steril, können schwere allergische Reaktionen auslösen und bringen gefährliche Bakterien in die Wunde ein. (Medizinischer Honig, der speziell sterilisiert wurde, ist eine Ausnahme und darf nur vom Wundmanager angewendet werden).
Jod und aggressive Desinfektionsmittel: Frei verkäufliche Jodsalben (wie Betaisodona) oder stark alkoholhaltige Sprays brennen nicht nur höllisch, sie zerstören auch die neu gebildeten, empfindlichen Zellen. Die moderne Wundreinigung erfolgt schonend, meist mit steriler Ringerlösung oder speziellen, gut verträglichen Wundspüllösungen (z.B. mit Polihexanid oder Octenidin).
Verklebte Verbände abreißen: Wenn ein Pflaster oder eine Kompresse mit der Wunde verklebt ist, reißen Sie diese niemals mit Gewalt ab. Damit zerstören Sie die Heilungsarbeit von Tagen. Befeuchten Sie den Verband großzügig mit steriler Kochsalz- oder Ringerlösung und warten Sie einige Minuten, bis er sich von selbst löst. Bei optimaler feuchter Wundversorgung sollte dieser Fall ohnehin nicht eintreten.
Zu häufiger Verbandswechsel: Eine Wunde braucht Ruhe, um zu heilen. Bei jedem Verbandswechsel kühlt die Wunde aus. Es dauert bis zu vier Stunden, bis die optimale Temperatur für die Zellteilung wieder erreicht ist. Moderne Wundauflagen können oft mehrere Tage auf der Wunde verbleiben, sofern sie nicht durchfeuchtet sind oder eine Infektion vorliegt. Vertrauen Sie hier auf die Vorgaben des Wundmanagers.
Druckstellen ignorieren: Ein Verband darf niemals einschnüren oder drücken. Wenn der Patient klagt, dass der Verband drückt oder pocht, muss er sofort kontrolliert und gegebenenfalls gelockert werden.
Auch wenn der Pflegedienst die medizinische Versorgung übernimmt, sind Sie als Angehöriger oft jeden Tag vor Ort. Sie sind das wichtigste Frühwarnsystem. Beobachten Sie den Patienten und die Wundumgebung genau und alarmieren Sie den Arzt oder Pflegedienst, wenn Sie eines der folgenden Infektionszeichen bemerken:
Rötung (Rubor): Die Haut um die Wunde herum ist stark gerötet und die Rötung breitet sich aus.
Überwärmung (Calor): Die Wundumgebung fühlt sich heiß an.
Schwellung (Tumor): Das Gewebe um die Wunde schwillt an oder wirkt teigig.
Schmerz (Dolor): Der Patient klagt über plötzlich zunehmende, pochende Schmerzen, auch in Ruhe.
Funktionseinschränkung (Functio laesa): Das betroffene Körperteil (z.B. der Fuß) lässt sich schlechter bewegen als zuvor.
Fieber oder Schüttelfrost: Dies ist ein absolutes Alarmsignal, das auf eine systemische Ausbreitung der Bakterien (Gefahr einer Blutvergiftung/Sepsis) hindeutet. Rufen Sie umgehend einen Arzt!
Veränderter Wundgeruch oder vermehrtes Sekret: Wenn der Verband plötzlich stark durchnässt ist, ungewohnt riecht oder das Wundwasser eine grünliche/gelbliche Farbe (Eiter) annimmt.
Erhalten Sie monatlich zuzahlungsfreie Verbrauchsmaterialien wie Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und Bettschutzeinlagen im Wert von 40 Euro für eine hygienische Wundversorgung.
Pflegebox sichern
Die Wundversorgung in der häuslichen Pflege ist eine anspruchsvolle, aber mit der richtigen professionellen Unterstützung sehr gut zu bewältigende Aufgabe. Merken Sie sich die folgenden Kernpunkte:
Chronische Wunden (wie Dekubitus, offenes Bein, diabetischer Fuß) benötigen oft Monate zur Heilung und sind meist Folge von Durchblutungsstörungen, Diabetes oder Druckbelastung. Die feuchte Wundversorgung ist der heutige Goldstandard und der veralteten trockenen Heilung weit überlegen. Sie fördert das Zellwachstum, lindert Schmerzen und verhindert das Verkleben der Verbände.
Überlassen Sie die Behandlung unbedingt zertifizierten Wundmanagern und spezialisierten Pflegediensten. Experimentieren Sie niemals mit Hausmitteln. Die medizinische Wundversorgung (Behandlungspflege) wird vom Arzt auf Muster 12 verordnet und von der gesetzlichen Krankenkasse (nicht der Pflegekasse) bezahlt, unabhängig davon, ob ein Pflegegrad vorliegt. Achten Sie auf die Zuzahlungsgrenzen, um finanzielle Entlastung zu beantragen.
Als Angehöriger können Sie die Heilung massiv unterstützen, indem Sie auf ein Höchstmaß an Hygiene achten, eine eiweiß- und vitaminreiche Ernährung sowie ausreichende Flüssigkeitszufuhr sicherstellen. Nutzen Sie Hilfsmittel zur Druckentlastung und zum Erhalt der Mobilität, und nehmen Sie die psychische Belastung sowie Schmerzen des Patienten ernst. Mit Geduld, Liebe und professioneller Begleitung schaffen Sie die besten Voraussetzungen, damit sich auch schwer heilende Wunden wieder schließen können.
Wichtige Antworten für pflegende Angehörige