Betrug im Gesundheitswesen: Kassen starten historische Dunkelfeldstudie

Dominik Hübenthal
Abrechnungsbetrug: GKV-Spitzenverband untersucht Milliardenschäden

Falsch abgerechnete Pflegestunden, erfundene Rezepte oder Phantom-Behandlungen: Abrechnungsbetrug und Fehlverhalten belasten die Solidargemeinschaft seit Jahren schwer. Nun zieht der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen die Reißleine und nimmt das tatsächliche Ausmaß der finanziellen Schäden eigenständig unter die Lupe. Mit einer groß angelegten Dunkelfeldstudie will der Verband erstmals fundiert aufdecken, wie viel Geld der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung Jahr für Jahr durch kriminelle Machenschaften verloren geht.

Verdacht auf zweistellige Milliardenschäden

Bisherige Berichte der Krankenkassen bildeten vermutlich nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs ab. Zwar summierten sich die offiziell erfassten Schadenssummen durch festgestelltes Fehlverhalten zuletzt bereits auf über 200 Millionen Euro innerhalb von zwei Jahren, doch Fachleute schätzen das reale Problem ungleich größer ein. Wie Martin Krasney vom Vorstand des GKV-Spitzenverbands darlegt, beziffern internationale Erhebungen das Dunkelfeld auf fünf bis zehn Prozent der gesamten Leistungsausgaben im Gesundheitssektor.

Übertragen auf Deutschland, wo die jährlichen Gesamtausgaben der gesetzlichen Kassen die Marke von 350 Milliarden Euro übersteigen, könnte die tatsächliche Schadenssumme im zweistelligen Milliardenbereich liegen – Experten kalkulieren rechnerisch mit mehr als 20 Milliarden Euro. Um verlässliche empirische Daten für das deutsche System zu erhalten, hat der Kassenverband daher Anfang Oktober eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag gegeben. Die Studie soll bis zum Frühjahr 2029 umfassende Erkenntnisse über die Ausmaße der Wirtschaftskriminalität im Gesundheitswesen liefern.

Pflegebranche besonders im Fokus

Die Untersuchung besitzt gerade für die Pflegebranche erhebliche Brisanz. In den internen Fehlverhaltensberichten der Kassen nimmt der Bereich der sozialen Pflegeversicherung und der häuslichen Krankenpflege traditionell einen besorgniserregend großen Raum ein. Fast die Hälfte aller extern eingegangenen Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bezog sich in der Vergangenheit auf pflegerische Leistungen.

Zu den typischen Missbrauchsmustern zählen sogenannte Luftbuchungen, bei denen Leistungen für Pflegebedürftige abgerechnet werden, die in der Realität nie erbracht wurden. Ebenso kommt es vor, dass nicht entsprechend qualifiziertes Personal für anspruchsvolle medizinische Behandlungspflegen eingesetzt und dennoch voll abgerechnet wird. Solche kriminellen Handlungen entziehen der Versorgung dringend benötigte Gelder und bringen unverschuldet den gesamten Berufsstand in Verruf – zum Nachteil der unzähligen ehrlich arbeitenden Pflegekräfte und Pflegedienste.

Kassen fordern digitale Werkzeuge und KI-Einsatz

Dass die gesetzlichen Kassen die Studie nun im Alleingang finanzieren, markiert zugleich eine deutliche Botschaft an die Politik. Sowohl Vertreter der Kriminalpolizei als auch die Justizministerinnen und Justizminister der Länder hatten bereits vor Jahren eine umfassende Dunkelfeldstudie durch den Bund gefordert, ohne dass die Erhebung realisiert wurde.

Parallel zur wissenschaftlichen Bestandsaufnahme drängen die Verantwortlichen auf moderne Kontrollmöglichkeiten. Um systematischem Betrug wirksam zu begegnen, fordern die Krankenkassen gesetzliche Erleichterungen, um Abrechnungsdaten kassenübergreifend an zentraler Stelle zusammenführen zu können. Durch den Einsatz moderner Datenanalysen und Künstlicher Intelligenz könnten auffällige Abrechnungsmuster künftig wesentlich schneller identifiziert werden, bevor Millionenschäden entstehen.

Faire Rahmenbedingungen für alle Versicherten

In Zeiten steigender Zusatzbeiträge und angespannter Kassenfinanzen wiegt jeder veruntreute Euro doppelt schwer. Jeder Cent, der durch Manipulation abfließt, fehlt letztlich für die medizinische Betreuung von Patienten, für faire Gehälter in der Pflege sowie für die spürbare Entlastung von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Die neue Dunkelfeldstudie soll deshalb neben verlässlichen Zahlen auch konkrete Reformvorschläge liefern, um bestehende Schlupflöcher endgültig zu schließen.

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