Doppeltes Thromboserisiko: Neue Studie warnt vor mechanischen Fixierungen in der Psychiatrie

Djamal Sadaghiani
Thromboserisiko in der Psychiatrie: Studie warnt vor Fixierung

Die Sicherheit von Patientinnen und Patienten in akuten psychischen Ausnahmesituationen stellt das medizinische und pflegerische Personal oft vor immense Herausforderungen. Wenn Deeskalationsstrategien versagen, greifen Kliniken als letztes Mittel mitunter zur mechanischen Fixierung oder medikamentösen Sedierung, um Betroffene vor sich selbst oder anderen zu schützen. Eine groß angelegte bevölkerungsbasierte Studie aus Dänemark wirft nun ein neues, kritisches Licht auf diese Praxis und warnt vor massiven körperlichen Folgeschäden.

Mechanische Fixierung verdoppelt das Risiko

Wie aus einer aktuellen Publikation im renommierten British Medical Journal (BMJ) hervorgeht, erhöht die mechanische Fixierung in psychiatrischen Krankenhäusern das Risiko für eine Thromboembolie drastisch. Die dänischen Forscher untersuchten die Daten zahlreicher Patienten und verglichen dabei zwei Gruppen: jene, die mechanisch mit Gurten fixiert wurden, und solche, die stattdessen eine medikamentöse Sedierung erhielten.

Das Ergebnis der Untersuchung ist alarmierend: Bei den mechanisch fixierten Personen zeigte sich eine exakte Verdopplung des Risikos, ein Blutgerinnsel zu entwickeln. Eine Thromboembolie, bei der sich ein solches Gerinnsel löst und beispielsweise in die Lunge wandert, ist eine gefürchtete und potenziell lebensbedrohliche Komplikation, die sofortiges medizinisches Handeln erfordert.

Warum das Thromboserisiko derart ansteigt

Die Ursachen für diesen drastischen Anstieg sind vor allem in der erzwungenen absoluten Immobilität der Patientinnen und Patienten zu finden. Der menschliche Blutkreislauf ist auf Bewegung angewiesen. Fehlt die sogenannte Muskelpumpe der Beine über einen längeren Zeitraum, staut sich das Blut in den Venen, was die Bildung von Gerinnseln begünstigt. Hinzu kommt oftmals eine durch die psychische Ausnahmesituation bedingte Dehydration, die das Blut zusätzlich eindickt.

Folgen für den Pflegealltag und die Psychiatrie

Die Erkenntnisse der dänischen Studie haben weitreichende Konsequenzen für den Alltag in der psychiatrischen Pflege. Sie unterstreichen die Dringlichkeit, mechanische Zwangsmaßnahmen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Für das Pflegepersonal und behandelnde Ärzte ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder:

  • Strenge Indikationsstellung: Eine mechanische Fixierung darf nur dann erfolgen, wenn alle anderen milderen Mittel, einschließlich der medikamentösen Krisenintervention, nachweislich ausgeschöpft sind.
  • Thromboseprophylaxe: Wird eine Fixierung unumgänglich, muss umgehend über eine medikamentöse Thromboseprophylaxe (beispielsweise durch Heparin-Spritzen) und ausreichende Flüssigkeitszufuhr nachgedacht werden.
  • Engmaschiges Monitoring: Fixierte Patienten bedürfen einer lückenlosen Überwachung, nicht nur hinsichtlich ihres psychischen Zustands, sondern auch im Hinblick auf körperliche Warnsignale wie geschwollene Beine oder plötzliche Atemnot.
  • Fokus auf Deeskalation: Präventive Konzepte, eine beruhigende Raumgestaltung und intensiv geschultes Personal können helfen, Eskalationen im Vorfeld abzufangen.

Ein Aufruf zum Umdenken

Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit muss in der Psychiatrie den gleichen Stellenwert haben wie die Behandlung der seelischen Krise. Die aktuellen Studienergebnisse aus Dänemark sind ein eindringlicher Weckruf an das Gesundheitswesen, die Leitlinien zur Anwendung von Zwangsmaßnahmen kritisch zu überprüfen und die Sicherheit der vulnerabelsten Patienten weiter zu verbessern. Jeder vermiedene Gurt ist nicht nur ein Gewinn für die Würde des Patienten, sondern auch ein aktiver Schutz vor lebensgefährlichen Thrombosen.

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