Fragwürdige Heilsversprechen: Verbraucherschützer fordern strengere Kontrollen für Nahrungsergänzungsmittel

Benedikt Hübenthal
Nahrungsergänzungsmittel im Internet: Verbraucherschützer fordern schärfere Kontrollen

Ob Kapseln für besseren Schlaf, Pulver gegen Stress oder Tropfen für das Immunsystem: Nahrungsergänzungsmittel erleben insbesondere im Internet und auf Social-Media-Kanälen einen beispiellosen Boom. Doch der Markt birgt erhebliche Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher. Verbraucherschutzorganisationen schlagen nun erneut Alarm: Der Onlinehandel mit frei verkäuflichen Präparaten werde in Deutschland viel zu nachlässig überwacht, während Anbieter regelmäßig mit unzulässigen und wissenschaftlich nicht belegten Gesundheitsversprechen werben.

Illegale Werbeversprechen im digitalen Raum

Die europäische Health-Claims-Verordnung regelt unmissverständlich, welche gesundheitsbezogenen Aussagen für Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel zulässig sind. Erlaubt sind ausschließlich Wirkungsversprechen, die wissenschaftlich zweifelsfrei nachgewiesen und von der Europäischen Union ausdrücklich zugelassen wurden. In der Praxis des digitalen Handels sieht die Realität jedoch häufig anders aus.

Verbraucherorganisationen kritisieren, dass zahlreiche Hersteller und reichweitenstarke Influencer Produkte mit Heilsversprechen anpreisen, die rechtlich unhaltbar sind. Die Palette der Behauptungen reicht von emotionaler Stabilität über Leistungssteigerung bis hin zu angeblichen Schutzwirkungen vor schweren Krankheiten. Nach Einschätzung von Experten ist ein Großteil der in sozialen Netzwerken verbreiteten Gesundheitswerbung für Nahrungsergänzungsmittel irreführend.

Trend-Wirkstoffe und unterschätzte Risiken

Als besonders problematisch gelten Modeprodukte wie Extrakte der Schlafbeere (Ashwagandha). Während solche Präparate im Netz aggressiv als pflanzliche Wundermittel gegen Alltagsstress und Schlafstörungen vermarktet werden, warnen offizielle Stellen vor gesundheitlichen Gefahren. So weist etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) darauf hin, dass bei der Einnahme bestimmter Pflanzenstoffe unerwünschte Nebenwirkungen wie Benommenheit, Magen-Darm-Beschwerden oder im Einzelfall sogar Leberschäden nicht ausgeschlossen werden können. Insbesondere für Schwangere, Stillende und Menschen mit Vorerkrankungen bestehen ernsthafte Risiken.

Überlastung der Kontrollbehörden

Dass irreführende Werbung im Internet weitgehend ungehindert verbreitet werden kann, liegt vor allem an den bestehenden Kontrollstrukturen. Für die Überwachung des Lebensmittel- und Ergänzungsmittelmarktes sind in Deutschland überwiegend die kommunalen Lebensmittelüberwachungsämter zuständig. Diese sind durch ihre klassischen Aufgaben – etwa Vor-Ort-Inspektionen in Gastronomie- und Handwerksbetrieben – personell und technisch häufig ausgelastet.

Eine systematische und routinemäßige Überwachung digitaler Verkaufsplattformen und sozialer Medien findet dadurch in den meisten Regionen kaum statt. Verbraucherschützer fordern daher:

  • Spezialisierte Einheiten: Schaffung von bundes- und landesweiten Schwerpunktstellen zur gezielten Überwachung des Onlinehandels.
  • Strengere Sanktionen: Wirksame und schnelle Bußgelder für Hersteller und Influencer, die gegen die Health-Claims-Verordnung verstoßen.
  • Verbindliche Höchstmengen: Gesetzlich festgelegte Grenzwerte für Vitamine, Mineralstoffe und Pflanzenextrakte zum Schutz der Konsumenten.
  • Bessere Aufklärung: Umfassende Information der Bevölkerung über die Grenzen und möglichen Gefahren von Nahrungsergänzungsmitteln.

Vorsicht bei Selbstmedikation

Für Pflegekräfte, pflegende Angehörige und Senioren gilt bei der Einnahme von frei verkäuflichen Präparaten besondere Vorsicht. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und ersetzen weder eine ausgewogene Ernährung noch eine gezielte medizinische Therapie. Vor der Einnahme hochdosierter Pflanzenstoffe oder Multivitaminpräparate sollte stets Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem Hausarzt gehalten werden, um schädliche Wechselwirkungen mit verordneten Medikamenten zu vermeiden.

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