Gefahr im Kapselformat: Experten fordern strenge Kontrollen für pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel
Ob Ginkgo für das Gedächtnis, Algenextrakte für die Vitalität oder Pilzpulver zur Stärkung der Abwehrkräfte: Nahrungsergänzungsmittel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen, sogenannte Botanicals, erfreuen sich enormer Beliebtheit. Doch hinter dem Image der vermeintlich harmlosen Naturkraft lauern erhebliche Sicherheits- und Qualitätsrisiken. Eine breite Allianz aus Wissenschaftlern, Medizinern und Verbraucherschützern schlägt nun Alarm und fordert in einem Brandbrief an die Bundesministerien für Landwirtschaft, Ernährung sowie Wirtschaft eine sofortige Verschärfung der gesetzlichen Vorgaben.
Freier Marktzugang ohne behördliche Sicherheitsprüfung
Im Zentrum der Kritik steht die derzeitige Rechtslage in Deutschland. Hersteller müssen neue Produkte vor dem Verkaufsstart lediglich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) anmelden. Eine fundierte behördliche Prüfung auf toxikologische Unbedenklichkeit, Reinheit oder tatsächliche Wirksamkeit findet vorab nicht statt. Allein im vergangenen Jahr wurden hierzulande mehr als 30.000 neue Präparate registriert.
Die Experten warnen, dass diese Praxis ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko für Verbraucherinnen und Verbraucher darstellt. Während in Ländern wie Frankreich, Belgien oder der Schweiz bereits strenge Dokumentationspflichten und standardisierte Positivlisten gelten, agieren Hersteller auf dem deutschen Markt in einer gravierenden Kontrolllücke.
Besondere Risiken für Pflegebedürftige und Senioren
Gerade für ältere Menschen und Pflegebedürftige können unregulierte Pflanzenextrakte zur echten Gefahr werden. Viele pflanzliche Wirkstoffe besitzen eine hohe pharmakologische Aktivität und können gefährliche Wechselwirkungen mit verordneten Medikamenten eingehen:
- Veränderte Wirkstoffspiegel: Substanzen wie Johanniskraut oder bestimmte Algenpräparate können den Abbau lebenswichtiger Herz-, Blutdruck- oder Beruhigungsmittel in der Leber beschleunigen oder hemmen.
- Erhöhtes Blutungsrisiko: Beliebte Zusätze wie hochdosierter Ginkgo- oder Knoblauchextrakt können die Wirkung von Blutverdünnern unkontrolliert verstärken.
- Verunreinigungen und Schadstoffe: Bei mangelnden Rohstoffanalysen drohen Belastungen durch Schwermetalle, Pestizide oder toxische Pflanzenbestandteile.
Forderung nach klaren Regeln und Analysemethoden
Die Fachleute fordern die Bundesregierung auf, den unregulierten Markt zu ordnen. Notwendig seien verbindliche Nachweise über die Unbedenklichkeit der Rohstoffe, kontinuierliche Qualitätskontrollen der Endprodukte mittels anerkannter Analysemethoden sowie ein konsequentes Verbot irreführender Gesundheitsversprechen.
Pflegekräfte und Angehörige sollten die Einnahme frei verkäuflicher Nahrungsergänzungsmittel stets kritisch hinterfragen und im Medikationsplan erfassen. Vor Beginn einer Einnahme empfiehlt sich immer die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder einer Apotheke, um unerwünschte Wechselwirkungen zuverlässig auszuschließen.
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