Kliniken schlagen Alarm: Neues Prüfregime bedroht Patientenversorgung

Benedikt Hübenthal
Klinik-Bürokratie: Marburger Bund warnt vor neuen Prüfquoten

In deutschen Krankenhäusern spitzt sich der Konflikt zwischen medizinischer Versorgung und wachsender Bürokratie weiter zu. Im Zentrum der Kritik steht die von der Bundesregierung für Anfang 2027 geplante Verschärfung der Abrechnungsprüfungen durch den Medizinischen Dienst. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund warnt eindringlich vor den Folgen dieses Vorhabens und fordert eine sofortige Kehrtwende der Gesundheitspolitik. Nach Ansicht der Ärzteorganisation droht das geplante System wertvolle Arbeitszeit zu verschlingen, die dringend für die Betreuung von Patientinnen und Patienten benötigt wird.

Mehr Kontrolle, weniger Zeit am Krankenbett

Die geplante Reform sieht vor, die Prüfquoten sowie die Schwellenwerte für Beanstandungen bei Krankenhausabrechnungen deutlich anzuheben. Für die Beschäftigten auf den Stationen bedeutet das einen erheblichen Mehraufwand: Ärztinnen, Ärzte sowie Pflegefachkräfte müssen medizinische Maßnahmen, Operationen und Pflegeentscheidungen oft noch Monate nach der Entlassung detailliert schriftlich begründen und gegenüber Gutachtern verteidigen.

Auf ihrer Hauptversammlung bezeichnete die Ärzteorganisation dieses Vorgehen als weder praxisnah noch wirtschaftlich sinnvoll. Wenn Mediziner und Pflegende einen wachsenden Teil ihrer Schicht mit Aktenstudium und Rechtfertigungsschreiben verbringen müssen, bleibt immer weniger Raum für die eigentliche Kernaufgabe: die menschliche Zuwendung und die fachgerechte medizinische Behandlung.

Tausende Stellen für reine Verwaltung gebunden

Die personellen Auswirkungen der geplanten Quotenanhebung sind gravierend. Modellrechnungen zufolge müsste jede Klinik im Schnitt ein bis zwei zusätzliche Vollzeitkräfte ausschließlich für die Bearbeitung der Prüfverfahren abstellen. Hochgerechnet auf die bundesdeutsche Krankenhauslandschaft entspricht dies einem Bedarf von 1.500 bis 3.000 Arbeitskräften.

In Zeiten eines ohnehin dramatischen Fachkräftemangels im Gesundheitswesen sei es fahrlässig, qualifiziertes Personal für administrative Auseinandersetzungen zu binden. Das medizinische Personal, das in den Krankenhäusern und bei den Prüfinstanzen für diesen bürokratischen Apparat rekrutiert werden muss, fehlt an anderer Stelle unmittelbar bei der Versorgung der Kranken.

Verpuffte Einsparungen durch ausufernde Kosten

Auch die erhoffte finanzielle Entlastung der gesetzlichen Krankenversicherung durch strengere Prüfungen wird zunehmend infrage gestellt. Bereits heute zeigt sich, dass das Prüfverfahren einen gewaltigen finanziellen Eigenaufwand erzeugt. Rund 36 Prozent der durch Beanstandungen erzielten Rückzahlungen werden schon jetzt allein durch den Verwaltungsaufwand der Prüfbürokratie aufgezehrt – noch ganz ohne die zusätzlichen Kosten einzurechnen, die in den Krankenhäusern selbst anfallen.

Statistische Stichproben als praxistauglicher Ausweg

Um den bürokratischen Würgegriff zu lockern, plädiert die Ärztevertretung für einen grundlegenden Systemwechsel. Statt aufwendiger Einzelfallprüfungen mit starren Quoten sollten moderne, mathematisch-statistische Stichprobenverfahren eingesetzt werden. Solche Methoden sind in der Wirtschaftsprüfung seit langem etabliert und ermöglichen eine verlässliche Qualitäts- und Abrechnungskontrolle bei einem Bruchteil des bürokratischen Aufwands.

Ein solches Verfahren würde nicht nur den administrativen Druck auf das Klinikpersonal spürbar senken, sondern auch dafür sorgen, dass Gelder und Arbeitskraft dort ankommen, wo sie gebraucht werden: direkt am Krankenbett.

Brauchen Sie Unterstützung bei der Pflege?

PflegeHelfer24 ist Ihr verlässlicher Partner. Entdecken Sie unsere Ratgeber oder lassen Sie sich kostenlos zu Pflegehilfsmitteln, Treppenliften und Zuschüssen beraten.