Kostenexplosion bei Heilmitteln: Nutzen der neuen Verordnung fraglich

Dominik Hübenthal
Heilmittel-Report 2026: Kosten für Physiotherapie explodieren

Die Ausgaben für Heilmitteltherapien wie Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie kennen in Deutschland seit Jahren nur eine Richtung: steil nach oben. Gleichzeitig tappen Krankenkassen und Gesundheitsexperten bei der tatsächlichen Qualität dieser Behandlungen weitgehend im Dunkeln. Das ist das zentrale Ergebnis des neu vorgestellten Heilmittel-Reports 2026.

Ausgaben haben sich in zehn Jahren verdoppelt

Laut den aktuellen Analysen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) haben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 rund 13,3 Milliarden Euro für Heilmitteltherapien ausgegeben. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 lagen diese Kosten noch bei 6,1 Milliarden Euro. Die Ausgaben haben sich somit innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt. Und die Dynamik reißt nicht ab: Bis Ende 2025 kletterten die Kosten bereits auf 14,7 Milliarden Euro. Auch im ersten Quartal 2026 setzt sich der Trend mit einer erneuten Steigerungsrate von 8,7 Prozent ungebremst fort.

Den Löwenanteil der Kosten verursacht die Physiotherapie. Sie macht fast 70 Prozent des gesamten Heilmittel-Umsatzes der gesetzlichen Krankenversicherung aus und ist besonders für ältere Versicherte von zentraler Bedeutung in der ambulanten Versorgung.

Die Blankoverordnung als neuer Kostentreiber

Ein wesentlicher Grund für den jüngsten Ausgabenanstieg ist die im Jahr 2024 eingeführte sogenannte Blankoverordnung. Diese Regelung erlaubt es Therapeutinnen und Therapeuten bei bestimmten Diagnosen – etwa in der Ergotherapie oder bei Schultererkrankungen in der Physiotherapie – nach einer ärztlichen Erstdiagnose eigenverantwortlich über das genaue Heilmittel, die Behandlungsfrequenz und die Dauer der Therapie zu entscheiden.

Während sich Berufsverbände von der Blankoverordnung mehr Flexibilität und weniger Bürokratie versprachen, zeigt der Report nun die finanzielle Kehrseite: Die neue Therapiefreiheit hat zu einem rasanten Anstieg der Behandlungszahlen und damit der Kosten geführt. Der tatsächliche therapeutische Mehrwert für die Patientinnen und Patienten ist dabei bislang völlig unklar geblieben.

Fokus auf die Versorgungsqualität

Im Gegensatz zu anderen medizinischen Bereichen fehlt es bei Heilmitteln an verlässlichen Daten zur Behandlungsqualität. Experten fordern daher ein Umdenken. Um die Versorgung zukunftsfähig zu gestalten, schlägt der Report verschiedene Lösungsansätze vor:

  • Akademisierung der Heilberufe: Eine stärkere wissenschaftliche Fundierung der Ausbildung soll die Therapiequalität sichern.
  • Leitlinien implementieren: Einheitliche und evidenzbasierte Vorgaben für Behandlungen müssen flächendeckend etabliert werden.
  • Routinedaten nutzen: Die Daten der Krankenkassen sollen stärker zur Qualitätsmessung und zur Überprüfung des Therapieerfolgs herangezogen werden.

Die Herausforderung für die kommenden Jahre wird darin bestehen, die steigenden Kosten in ein angemessenes Verhältnis zu einem nachweisbaren Nutzen für die Patienten zu setzen. Nur durch mehr Transparenz und eine konsequente Qualitätskontrolle lässt sich das System der Heilmittelversorgung langfristig stabilisieren.

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