Krebsdiagnose als Armutsrisiko: Junge Menschen besonders gefährdet

Djamal Sadaghiani
Krebs und Armutsrisiko: Finanzielle Belastung für junge Patienten

Eine Krebserkrankung stellt das gewohnte Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen schlagartig auf den Kopf. Neben der immensen körperlichen und seelischen Belastung rückt jedoch eine weitere, oft unterschätzte Dimension in den Vordergrund: die materielle Not. In der Fachwelt wird dieses Phänomen zunehmend als sogenannte finanzielle Toxizität bezeichnet. Vor allem junge Erwachsene sowie Menschen mit geringerem Einkommen geraten durch die Diagnose häufig in eine existenzielle Schieflage.

Wenn das Einkommen wegbricht und Kosten steigen

Die wirtschaftlichen Belastungen im Verlauf einer onkologischen Behandlung sind vielschichtig. Auf der Einnahmenseite drohen spürbare Einbußen: Nach dem Auslaufen der sechs-wöchigen Entgeltfortzahlung sinkt das Krankengeld spürbar unter das gewohnte Nettoeinkommen. Längere Krankschreibungen oder ein dauerhafter Ausfall im Berufsleben führen nicht selten dazu, dass laufende Fixkosten kaum noch gedeckt werden können.

Gleichzeitig steigen die Ausgaben rasant an. Auch wenn die gesetzlichen Krankenkassen die eigentlichen Therapiekosten tragen, summieren sich zahlreiche Posten:

  • Gesetzliche Zuzahlungen für Medikamente und stationäre Klinikaufenthalte
  • Kosten für Fahrten zu weit entfernten Spezialkliniken oder Bestrahlungstherapien
  • Ausgaben für freiverkäufliche Präparate, Hautpflegeprodukte und Nahrungsergänzungsmittel
  • Zusätzliche Aufwendungen für Haushaltshilfen, Kinderbetreuung oder ambulante Pflegeleistungen

Junge Erwachsene in einer besonders prekären Lage

Dass gerade jüngere Krebspatientinnen und -patienten besonders stark unter Geldnöten leiden, hat strukturelle Gründe. Wer am Anfang seines Berufslebens steht, sich in der Ausbildung befindet oder gerade eine Familie gegründet hat, verfügt in der Regel über kaum finanzielle Rücklagen. Häufig belasten befristete Arbeitsverträge oder laufende Kredite die Situation zusätzlich. Kommt es zu einer längeren Therapiephase, fehlt das finanzielle Polster, das ältere Erkrankte im Laufe vieler Berufsjahre aufbauen konnten.

Ebenso gravierend trifft es Menschen, die bereits vor der Diagnose arbeitslos waren oder im Niedriglohnsektor arbeiteten. Für sie können schon geringe Zuzahlungen den Weg in eine Schuldenfalle bedeuten.

Wirtschaftliche Sorgen gefährden den Behandlungserfolg

Geldsorgen sind nicht nur ein administratives Problem, sondern beeinflussen die Gesundheit direkt. Chronischer finanzieller Stress schwächt das Immunsystem und erhöht das Risiko für Depressionen und Angstzustände. Onkologische Fachgesellschaften weisen zudem darauf hin, dass Betroffene aus Scham oder Verzweiflung mitunter notwendige Medikamente rationieren, Kontrolltermine hinauszögern oder wichtige supportive Therapien gar nicht erst wahrnehmen. Die Genesung wird dadurch unmittelbar gefährdet.

Welche Unterstützung Betroffene in Anspruch nehmen können

Niemand sollte eine schwere Erkrankung allein durchstehen müssen. Für Krebserkrankte gibt es verschiedene Anlaufstellen und Hilfsangebote, die frühzeitig genutzt werden sollten:

  • Klinische Sozialdienste: In Krankenhäusern helfen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bei Anträgen für Krankengeld, Übergangsgeld, Schwerbehindertenausweise oder Rehabilitationsmaßnahmen.
  • Befreiung von Zuzahlungen: Für chronisch Kranke gilt bei den gesetzlichen Krankenkassen eine Belastungsgrenze von einem Prozent des jährlichen Bruttoeinkommens. Wird diese Grenze erreicht, kann eine Befreiung für das laufende Kalenderjahr beantragt werden.
  • Härtefallfonds: Gemeinnützige Organisationen und Stiftungen bieten unbürokratische finanzielle Einzelfallhilfen, wenn durch eine Krebserkrankung eine akute Notlage entstanden ist.
  • Pflegegrad beantragen: Sobald durch die Therapien oder Begleiterkrankungen eine Einschränkung der Selbstständigkeit im Alltag vorliegt, sollte umgehend ein Pflegegrad bei der Pflegekasse beantragt werden, um Pflegegeld oder Pflegesachleistungen zu sichern.

Experten fordern, das Thema Finanzen bereits bei der Diagnose routinemäßig anzusprechen, um existenzielle Notlagen abzuwenden und den Erkrankten den Rücken für das Wichtigste freizuhalten: ihre Genesung.

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