Kritik an Hybrid-DRGs: Neue Fallpauschalen treiben Kosten der Krankenkassen in die Höhe

Djamal Sadaghiani
AOK-Studie warnt: Hybrid-DRGs verursachen Hunderte Millionen Euro Mehrausgaben

Eigentlich sollte die Einführung der sogenannten Hybrid-DRGs eine der wichtigsten Stellschrauben der modernen Krankenhaus- und Versorgungsreform sein: Indem Krankenhäuser und niedergelassene Vertragsärzte für bestimmte Eingriffe die gleiche feste Fallpauschale erhalten, sollte eine Verlagerung von Operationen in das ambulante Umfeld gefördert und die gesetzliche Krankenversicherung spürbar entlastet werden. Doch eine aktuelle Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zeichnet ein gegenteiliges Bild.

Fallzahlen steigen rasant: 360 Millionen Euro Mehrkosten im ersten vollen Jahr

Die Analyse offenbart, dass die sektorenunabhängige Vergütung keineswegs zu den erhofften Einsparungen geführt hat. Stattdessen kletterte die Gesamtzahl der abgerechneten Behandlungsfälle im Jahr 2025 um rund 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nach oben. Die inflationsbereinigten Gesamtausgaben für die betroffenen Leistungen stiegen dabei um 14 Prozent, was für die gesetzliche Krankenversicherung Mehrkosten von schätzungsweise 360 Millionen Euro bedeutet.

Besonders bei planbaren Routineeingriffen wie der operativen Versorgung von Leistenbrüchen oder der Entfernung von Gallensteinen zeigt sich der sogenannte Mengeneffekt: Da ambulante Praxen für diese Behandlungen nun deutlich attraktivere Honorare abrechnen können als im früheren System, entstand ein starker wirtschaftlicher Anreiz zur Ausweitung der Fallzahlen. Gleichzeitig blieb der Rückgang stationärer Operationen hinter den Erwartungen zurück, sodass insgesamt weit mehr Eingriffe vergütet werden mussten.

Ausgaben drohen 2026 weiter zu explodieren

Nach Einschätzung des WIdO setzt sich diese Dynamik fort. Erste Hochrechnungen für das Jahr 2026, in dem der Katalog der Hybrid-DRGs weiter vergrößert wurde, deuten auf einen zusätzlichen Fallzahlanstieg hin. Setzt sich der Trend aus den ersten Monaten fort, könnten sich die zusätzlichen Belastungen für die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler im laufenden Jahr auf bis zu 640 Millionen Euro summieren.

Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, fand deutliche Worte für die Fehlentwicklung und bezeichnete die Hybrid-Fallpauschalen als „gut gemeint, aber schlecht gemacht“. Das System schaffe in seiner jetzigen Form falsche finanzielle Anreize, die an den tatsächlichen Kostenstrukturen der ambulanten Leistungserbringung vorbeigehen.

AOK fordert Absenkung der Pauschalen und strengere Mengensteuerung

Um das finanzielle Defizit im Gesundheitssystem nicht weiter zu vergrößern, fordert der Kassenverband entschlossene Korrekturen der Rahmenbedingungen. Nach Ansicht der AOK müssen folgende Schritte unverzüglich angegangen werden:

  • Kürzung der Fallpauschalen: Eine gezielte Absenkung der Hybrid-Vergütungen um rund 30 Prozent, um den Preis an die tatsächlichen operativen Aufwände in ambulanten Strukturen anzugleichen.
  • Wirksame Mengenbegrenzung: Gesetzliche Mechanismen und Zielbudgets, um eine ungerechtfertigte Ausweitung von OP-Zahlen einzudämmen.
  • Gemeinsame Bedarfsplanung: Eine sektorenübergreifende Steuerung des ambulanten Operierens, die Qualität und Notwendigkeit von Behandlungen in den Mittelpunkt stellt.

Nur durch eine realitätsnahe Anpassung der Vergütungssätze könne gewährleistet werden, dass die dringend benötigte Ambulantisierung der Medizin nicht zu Lasten der Solidargemeinschaft geht, sondern ihr eigentliches Ziel erreicht: eine moderne, schonende und zugleich bezahlbare Versorgung für Patientinnen und Patienten.

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