Langzeit-Opioidtherapie: Studie deckt massive Lücken in der Versorgung auf
Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an opioidhaltigen Schmerzmitteln. Diese starken Medikamente kommen häufig bei chronischen Schmerzen zum Einsatz, die nicht durch Tumore verursacht werden. Doch eine aktuelle Untersuchung offenbart nun bedenkliche Lücken in der alltäglichen Versorgungspraxis: Eine Langzeit-Opioidtherapie verläuft hierzulande längst nicht immer nach den geltenden medizinischen Leitlinien.
Das Projekt OP-US: Ein tiefer Blick in die Versorgungsrealität
Das vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geförderte Projekt OP-US hat die tatsächliche Versorgungssituation in Deutschland detailliert unter die Lupe genommen. Dafür werteten die Forscher Routinedaten von rund 113.000 Versicherten der DAK-Gesundheit aus. Ergänzt wurde das Bild durch Befragungen von über 600 Patienten mit Rücken- oder Arthroseschmerzen sowie mehr als 400 Leistungserbringern im Gesundheitswesen.
Erschreckende Erkenntnisse: Ein Viertel ohne passende Diagnose
Die Ergebnisse der Untersuchung lassen aufhorchen: Bei etwa 25 Prozent der Patienten, die eine langfristige Opioidtherapie erhielten, fand sich keine ärztliche Diagnose, die eine solche Behandlung nach der aktuellen S3-Leitlinie rechtfertigen würde. Diese medizinische Leitlinie gibt Ärzten eigentlich klare Empfehlungen an die Hand, um eine Über- oder Fehlversorgung sowie die Entstehung von verheerenden Abhängigkeiten zu vermeiden.
Ein weiteres Problemfeld offenbarte sich bei den begleitenden Maßnahmen. Bei fast genauso vielen Versicherten fehlten im Beobachtungszeitraum von zwei Jahren jegliche Anzeichen für nicht-medikamentöse Therapien, die laut Expertenstandard zwingend begleitend zur Schmerzmittelgabe stattfinden sollten.
Warum weicht die Praxis von den Leitlinien ab?
Die Gründe für diese potenziell unangemessene Versorgung sind vielfältig. Laut den Erkenntnissen des G-BA stehen einer leitliniengerechten Behandlung vor allem folgende Hürden im Weg:
- Kapazitätsengpässe: Es fehlt im Praxisalltag schlichtweg an Zeit und Fachpersonal für eine umfassende, multimodale Schmerztherapie.
- Qualifikationsdefizite: Nicht alle behandelnden Ärzte verfügen über das spezialisierte Wissen im Bereich der komplexen Schmerzmedizin.
- Wirtschaftliche Zwänge: Der Kostendruck im Gesundheitssystem erschwert zeitintensive Behandlungsansätze zugunsten einer schnellen Medikamentenverordnung.
Konkrete Maßnahmen gegen die Fehlversorgung
Auch wenn die Analysen derzeit glücklicherweise keine Hinweise auf eine dramatische Opioid-Krise wie in Nordamerika liefern, sehen die Experten dringenden Handlungsbedarf. Aus dem Projekt wurden insgesamt 28 konkrete Maßnahmen abgeleitet. Diese zielen darauf ab, die strukturellen Rahmenbedingungen zu verbessern, die Patientenversorgung zu optimieren und die Betroffenen besser aufzuklären.
Der Innovationsausschuss des G-BA hat die Ergebnisse als äußerst relevant eingestuft und sie gezielt an die Deutsche Schmerzgesellschaft (DGSS) weitergeleitet. Als federführende Fachgesellschaft soll die DGSS nun prüfen, inwieweit die neuen Erkenntnisse in die Weiterentwicklung der medizinischen Leitlinien einfließen müssen, um die Patientensicherheit in Deutschland nachhaltig zu erhöhen.
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