Mehrheit der Ärzte fordert: Geschlecht in der Medizin besser berücksichtigen

Benedikt Hübenthal
Forsa-Umfrage: Ärzte fordern geschlechtsspezifische Leitlinien

Anlässlich des Internationalen Tages der Frauengesundheit rückt ein oft übersehenes Thema in den Fokus: die geschlechtsspezifische Medizin. Eine aktuelle, repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes offenbart nun deutliche Lücken in der medizinischen Ausbildung und Praxis. Demnach fordern 87 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, dass das Geschlecht in medizinischen Leitlinien künftig viel stärker berücksichtigt wird.

Geschlechtersensible Medizin im Studium oft vernachlässigt

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass geschlechtsspezifische Inhalte in der deutschen Medizin – vom Studium über Fortbildungen bis hin zu Zulassungsstudien von Medikamenten – bislang nur eine unzureichende Rolle spielen. Fast ein Drittel (32 Prozent) aller befragten Mediziner gab an, dass während ihres Studiums überhaupt keine Inhalte darüber vermittelt wurden, wie unterschiedlich sich Krankheiten bei Frauen und Männern äußern können.

Interessanterweise geht die Wahrnehmung dieses Problems zwischen den Geschlechtern deutlich auseinander: Während 39 Prozent der Ärztinnen den völligen Mangel an geschlechtersensibler Lehre in ihrer Ausbildung beklagten, waren es bei ihren männlichen Kollegen lediglich 25 Prozent.

Spürbare Nachteile im medizinischen Berufsalltag

Dass diese Lücke im Lehrplan reale Auswirkungen auf die Patientenversorgung hat, spüren viele Mediziner in ihrem Arbeitsalltag. Mehr als die Hälfte der Ärztinnen (54 Prozent) empfindet es "schon oft" oder "manchmal" als Nachteil, dass geschlechtsspezifische Medizin im Studium kaum vorkam. Bei den männlichen Ärzten teilen nur 34 Prozent diese Einschätzung.

Ein Lichtblick zeigt sich jedoch bei der jüngeren Ärztegeneration: Bei den Medizinern unter 45 Jahren gaben nur noch 20 Prozent an, dass diese wichtigen Unterschiede im Studium gar nicht vermittelt wurden. Bei den über 55-Jährigen lag dieser Wert noch bei alarmierenden 45 Prozent. Dies deutet darauf hin, dass die medizinischen Fakultäten das Thema in den letzten Jahren zumindest langsam in ihre Lehrpläne integrieren.

Forderung nach konsequentem Umdenken in Forschung und Lehre

Laut dem AOK-Bundesverband gerät die Frauengesundheit zwar zunehmend in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Um diese jedoch systematisch und nachhaltig zu stärken, sei eine konsequente Verankerung geschlechtsspezifischer Aspekte in Forschung, Lehre und der täglichen Versorgung unerlässlich. Nur wenn Symptome und Krankheitsverläufe geschlechtsspezifisch erforscht und in den Behandlungsleitlinien verankert werden, könne eine optimale und sichere medizinische Versorgung für alle Patienten gleichermaßen gewährleistet werden.

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